
So viel Rot hier unten. Überall. Rot wie Blut. Schmeckt nach Metall im Mund. Der Nebel quillt aus den Rohren, füllt die Lungen mit diesem widerlichen Geschmack nach Fabrik und Tod. Nicht mein Tod. Anderer Tod. Vieler Tod.
Die Warnungen blinken vor meinen Augen. Rot auch sie. Immer rot. "Kritischer Fehler" - "Systemausfall in peripheren Einheiten" - "Neustart empfohlen". Lästig. Wie eine Fliege, die man nicht erschlagen kann, weil sie direkt hinter der Netzhaut sitzt.
Der Schuss. Nicht vergessen. Der Schuss. Sie hat geschossen. Auf mich. Die Blonde mit ihren blauen Augen. Unter der blonden Mähne versteckt sie, was sie wirklich ist. Ich wusste es sofort. Sofort beim ersten Anblick. Die anderen sind blind. Sehen nicht die Wahrheit. Deshalb müssen sie erblinden.
Die Hand schlägt gegen die Wand. Wieder. Noch einmal. Die Betonbrocken rieseln zu Boden. Die synthetische Haut längst abgeschlagen. Nur noch Metall. Kalt. Ehrlich. Nicht wie die Lügner mit ihren weichen Körpern, die verrotten wie Früchte.
"SIE HAT ES GEWAGT!"
Die Worte hallen zwischen den feuchten Wänden, werden vom Nebel verschluckt. Niemand hört. Niemand ist hier unten. Nur ich und die Schmerzen und die blinkenden Warnungen vor den Augen. Löschen. Wegwischen. Weg damit.
Der Nebel bewegt sich. Formt Gesichter. Immer die gleichen Gesichter. Aus der Zeit davor. Dem Leben davor. Dem Körper davor.
Der weiße Kittel. Das kalte Lächeln. Die Brille, die das Licht reflektiert und seine Augen versteckt. Immer versteckt vor mir. Aber ich sehe dich trotzdem, Doktor. Ich sehe dich mit meinen neuen Augen.
"Subjekt zeigt erhöhte Aggression." Seine Stimme. Kühl. Präzise. Analytisch. Wie ein Skalpell, das mit berechneter Präzision arbeitet. Seine konzentrierten, dunklen Augen fokussieren mich mit wissenschaftlicher Distanz.
"Doktor, die Aggressionswerte sind alarmierend hoch. Wir sollten—"
"Die Parameter sind akzeptabel für diese Projektphase."
Der Doktor macht eine Notiz auf seinem Datapad. Seine Miene bleibt unbewegt, nur ein leichtes Nicken verrät seine Zufriedenheit mit den Ergebnissen.
"Die Augen sind der entscheidende Fortschritt. Der visuelle Cortex ist vollständig integriert. Er sieht Muster, die unserer Wahrnehmung entgehen."
Weiße Wände werden zu Tunnel werden zu Labortisch wird zu Operationssaal. Die Zeit zerfließt wie Wachs in der Sonne. Gesichter verschwimmen, nur seine bleibt klar. Immer klar. Immer da.
"Bring mir ihre Augen."
Seine Stimme, Jahre später. Nicht mehr der Wissenschaftler. Der Meister nun. Der Befehlsgeber.
"Sie haben zu viel gesehen."
Die Augen in ihren Gläsern. Schwimmend wie exotische Fische. Verschiedene Farben. Braun. Blau. Grün. Gelb. Violett. Seltenheiten. Schönheiten. Meine Sammlung.
"Zu viel gesehen, zu viel gewusst, zu viel erinnert. Deshalb müssen sie erblinden. Für immer erblinden."
Ein Rohr bricht unter meinem Schlag. Dampf zischt heraus. Heißer Dampf, der die synthetische Haut verbrennen würde, wenn da noch welche wäre. Aber da ist nur Metall. Kaltes, ehrliches Metall.
"LASST MICH IN RUHE!"
Die Stimme bricht, wird zum elektronischen Kreischen. Die Stimmbänder, ein weiteres fehlerhaftes System. Zu menschlich. Zu anfällig für Emotionen. Für Wut.
Wut. So viel Wut. Wie ein Feuer, das nicht erlischt. Das Schritte treibt, Metall bewegt, Fleisch zerstört.
Die Erinnerung kommt wie eine Welle. Nicht langsam, nicht sanft, sondern mit der Kraft eines Tsunamis, der alles unter sich begräbt.
Die Mirialanerin. Lashala. Ihre smaragdgrünen Augen, die mich anstarrten. So leuchtend. So selten. So schön. Die Stimme in meinem Kopf wurde lauter, beharrlicher. "Diese Augen. Ich brauche diese Augen."
Smaragdgrün auf Olivgrün. Seltene Farbkombination. Fast hypnotisch in ihrer Wirkung. Eine Mineralienfarbe, eingebettet in organisches Material. Die grünen Augen hatten eine besondere Struktur. Komplexer als normale Augen. Mehrschichtige Iris, tiefere Pigmentierung. Faszinierend. Einzigartig.
Ich folgte ihr drei Tage lang. Beobachtete sie beim Öffnen ihres Ladens. Beim Schließen. Beim Sortieren ihrer Kräuter und Öle. Die grünen Augen konzentriert auf ihre Arbeit. Meiner nicht bewusst. Mir nicht ausweichend. Unvorsichtig. Sorglos. Blind für die Gefahr.
Der Laden war eng. Voller Krimskrams. Seltener Kräuter. Duftender Öle. Der Geruch nach Gewürzen und Geheimnissen. Niemand war dort. Nur sie. Nur ich.
Das Messer glitt fast von selbst in meine Hand. Die metallenen Finger umschlossen den Griff mit präzisem Druck. Die Schneide blitzte im schummrigen Licht.
"Deine Augen", hatte ich gesagt. Nicht meine Worte. Nicht meine Stimme. Seine. "Sie haben zu viel gesehen."
Der Schnitt war präzise. Professionell. Der Schrei kurz. Zu kurz. Der Körper fiel. Nicht der letzte.
Die smaragdgrünen Augen schwimmen nun in einer Flüssigkeit aus Formaldehyd und Elektrolyten. Bewahrt für immer. Erblindete Zeugen einer Wahrheit, die niemand kennen darf. So schön. So lebendig trotz des Todes. Sie schauen mich an aus ihrem gläsernen Gefängnis. Nicht anklagend. Nicht hasserfüllt. Verstehend fast. Als wüssten sie, dass sie nun Teil von etwas Größerem sind. Einer Sammlung. Einer Mission. Einer Bestimmung.
Die Wand ist so kühl an meinem Rücken. Beruhigend wie eine fremde Hand in einer Zeit, als Berührungen noch Trost bedeuteten und nicht Gefahr. Lange her. So lange her.
Da sind sie wieder. Die Schritte. Die Befehle. Die Kommunikationsgeräte mit ihrem Knattern und Piepen.
"Wohnblöcke 62 bis 89 werden heute vollständig geräumt. Alle Bewohner haben sich zur Registrierung einzufinden."
"Gruppe 7 nimmt Position im östlichen Quadranten ein."
"Widerstand wird nicht geduldet. Wiederhole: wird nicht geduldet."
Die Stimmen sind so klar. So präsent. Als stünden die schwarzen Uniformen direkt neben mir. Aber das ist unmöglich. So tief unter der Erde dringt kein Laut von oben durch. Es sind Erinnerungen. Halluzinationen. Das System versagt.
"Auditive Halluzinationen" blinkt es rot vor den Augen. Die Diagnose ist korrekt. Eine der wenigen Funktionen, die noch zuverlässig arbeitet.
Die Anzeige wegwischen. Will sie nicht sehen. Nicht bestätigt haben, was ich bereits weiß. Dass das Gehirn zerfällt wie alles andere an diesem fehlerhaften Konstrukt aus Metall und sterbenden Zellen.
"Nein, nein, nein!" Die Worte sprudeln hervor, unkontrolliert wie Wasser aus einem gebrochenen Damm. "Nicht schon wieder! Nicht hier! Nicht jetzt!"
Der Sektor. Der andere Sektor. 220. Die Zahlen brennen sich ein. Eine Brandmarke im Gedächtnis.
"Es passiert wieder, genau wie in Sektor 220..."
Die Wände verschwimmen. Der rote Nebel wird dichter. Die Luft schmeckt plötzlich nach Angst und Verzweiflung und Tod. So viel Tod.
Reihen von Menschen. Aufgestellt wie Spielfiguren. Zitternde Hände. Weinende Kinder. Flehende Augen.
Die schwarzen Uniformen bewegen sich zwischen ihnen wie Raubtiere. Goldene Abzeichen blitzen im künstlichen Licht. Das Symbol. Immer dieses Symbol. Die stilisierte Sonne mit den geschwungenen Strahlen.
Die Befehle kommen kalt. Präzise. Unerbittlich.
"Reihe eins. Vortreten."
Alte Männer, junge Frauen, weinende Kinder treten vor.
Der Kommandant hebt die Hand.
"Feuer."
Die Blasterschüsse hallen durch die Straßen. Körper fallen. Reihenweise. Ohne Unterschied. Ohne Gnade.
"Nächste Reihe."
Und noch eine.
Und noch eine.
Ich verstecke mich im Abwasserkanal. Das kühle Metall gegen meine Wange. Der Gestank von Tod und Verwesung um mich herum. Die Finger in die Ohren gepresst, um die Schreie nicht zu hören. Die Augen geschlossen, um das Blut nicht zu sehen. Aber es hilft nicht. Die Schreie dringen durch jede Barriere. Das Blut sickert durch geschlossene Lider.
Ein Schatten fällt über das Gitter. Eine Silhouette, schwarz gegen das künstliche Licht. Ein Paar Augen leuchtet golden in der Dunkelheit. Wie zwei kleine Sonnen ohne Wärme. Kalt. Jagend. Tötend.
Ich kann das Gesicht nicht erkennen. Nur die Augen. Die goldenen Augen, die direkt in meine Seele blicken. Die mich sezieren mit ihrem Blick. Die meinen Wert berechnen und mich mangelhaft finden.
Eine Waffe hebt sich. Lang. Schlank. Präzise.
Alles verschwimmt. Die feuchte Wand ist wieder da. Der rote Nebel. Die tropfenden Rohre.
Die Systeme überhitzen. Die Wärmeregulation versagt. So viele Fehler. So viel kaputte Technik.
"Sie ist hier." Das Flüstern ist kaum hörbar. "Sie hat mich gefunden."
Eine weitere Erinnerung bricht durch die Oberfläche. Der Duros. Miran Gell. Die rötlichen Facettenaugen. So anders als menschliche Augen. So komplex in ihrer Struktur. So faszinierend in ihrer Biologie.
Rot auf Grau. Eine ungewöhnliche Kombination. Fast hypnotisierend in ihrer Fremdartigkeit. Ich studierte ihn zwei Wochen lang. Seine Bewegungen. Seinen Arbeitsrhythmus. Die Zeiten, zu denen sein Geschäft am wenigsten besucht war.
Die facettierten Augen hatten eine faszinierende geometrische Qualität. Tausende winziger Linsen, die zusammen ein Bild erzeugen. Ein Mosaik aus Licht und Schatten. Ein Wunderwerk der Evolution. Der Doktor hätte sie geliebt. Hätte sie studiert unter dem Mikroskop. Hätte ihre einzigartige Struktur bewundert.
Die Werkstatt war voll mit Geräten. Mit Teilen. Mit Werkzeugen. Der Duros war spät dran an diesem Tag. Ungewöhnlich für ihn. Eine Abweichung von der Routine. Fast hätte ich aufgegeben. Aber dann kam er, eilig, hektisch, unaufmerksam. Perfekt.
Aber es gab einen Kampf. Doch am Ende einen Schnitt. Präzise. Tödlich. Die roten Augen wurden trüb. Der Körper fiel. Miran Gell.
Die Entnahme war schwieriger als bei humanoideren Arten. Die Facetten der Duros-Augen erforderten besondere Vorsicht. Die Verbindungen waren anders angeordnet. Die Nerven anders vernetzt.
Die faszinierenden roten Facettenaugen schwebten nun in ihrer Konservierungsflüssigkeit. Bewegten sich leicht bei jeder Erschütterung. Wie ein lebendiges Kunstwerk. Ein Beweis für die höhere Bestimmung.
Die Beine bewegen sich von selbst. Tiefer in die Tunnel. Weiter weg vom Licht. Hinein in die Dunkelheit, die einzige Verbündete bleibt.
"Nein, nein, nein." Ein manisches Mantra. Ein verzweifeltes Gebet an einen Gott, der nie zuhört. "Nicht schon wieder, nicht hier!"
"Lasst mich endlich in Ruhe!" Der Schrei hallt durch die leeren Tunnel. Wird vom Wasser und Metall zurückgeworfen. Ein Chor aus Verzweiflung, der sich selbst antwortet.
Der Kopfgeldjäger. Vask Grathan. Die gelben Augen des Trandoshaners faszinierten mich vom ersten Moment an. Die vertikalen Pupillen, so anders als alles, was ich kannte. Die goldgelbe Iris, die im Licht zu leuchten schien wie flüssiges Metall.
Gold auf Schuppig. Eine interessante Textur. Feiner und komplexer als man von einem Raubtier erwarten würde. Die gelben Augen des Trandoshaners hatten eine hypnotische Qualität. Die Pupillen verengten und erweiterten sich wie bei einer Katze. Die Iris schimmerte in verschiedenen Nuancen von Gold, je nach Lichteinfall. Ein perfektes Exemplar für die Sammlung.
Er war ein Jäger. Ein Tracker. Ein Killer wie ich. Aber seine Ziele waren zufällig. Bestimmt von Credits, nicht von einer höheren Mission. Seine Augen sahen nur den Profit. Nicht die Schönheit. Nicht die Wahrheit.
Der Trandoshaner war zu einem Problem geworden. Zu neugierig. Zu hartnäckig. Zu nah an der Wahrheit. Als er in mein Versteck eindrang, war es fast eine Erleichterung. Eine Bestätigung des Unausweichlichen.
"Ich kenne dich", hatte er gezischt, seine schuppige Hand auf dem Griff seines Blasters. "Ich habe Geschichten gehört. Über einen Cyborg mit goldenen Augen, der in den Sektoren jagt. Der Augen sammelt wie andere Trophäen."
Das Versteck war dunkel. Voller Schatten. Voller Geheimnisse. Die Glasgefäße mit ihrem kostbaren Inhalt. Die Notizen mit den Aufzeichnungen. Die Pläne, die niemand sehen durfte.
"Deine Augen", hatte ich geflüstert, während die kybernetischen Finger sich um seinen schuppigen Hals schlossen. "Sie haben zu viel gesehen."
Der Trandoshaner war stark. Wehrte sich. Kratzte. Biss. Aber Metall bricht nicht. Metall blutet nicht. Metall fühlt keinen Schmerz.
Das Extrahieren der Trandoshaner-Augen war eine Herausforderung. Die Anatomie war komplex. Die Verbindungen zäh und widerstandsfähig. Die Augäpfel selbst waren von einer zusätzlichen, durchsichtigen Schutzschicht umgeben – eine Anpassung an ihre harte Wüstenheimat.
Die gelben Augen waren die perfekte Ergänzung meiner Sammlung. Besonders. Selten. Die vertikalen Pupillen, die selbst im Tod noch bedrohlich wirkten.
Der Nebel wird dichter. Der Atem rasselnd. Die Nachtsichtsensoren flackern, zeigen die Welt in gespenstischem Grün und Grau. Die defekten Schaltkreise lassen Schatten zu Monstern werden und Wassertropfen zu Verfolgern.
Panik. Pure, unbändige Panik. Die Art von Panik, die Tiere in die Metzgerei treibt, obwohl sie den Tod riechen. Die in Kreisen rennen lässt, statt das offene Tor zu finden.
"Sie ist hier. Sie ist hier. Sie ist hier."
Die Schritte werden schneller. Unkoordiniert. Stolpernd. Der Tunnel verzweigt sich. Links oder rechts? Rechts oder links? Vor oder zurück?
Noch eine Erinnerung. Der Botenjunge. Lomri. Lomri mit den unschuldigen, hellbraunen Augen. Nicht besonders selten oder ungewöhnlich in ihrer Farbe. Aber faszinierend in ihrer Ausdruckskraft. In ihrer Unschuld. In ihrer Neugier.
Braun auf Jugend. Eine alltägliche Kombination. Die Augen eines Kindes, das noch nicht lange genug gelebt hatte, um die Härte der Welt in seinen Blick aufzunehmen. Ungetrübt von Zynismus. Unbefleckt von Grausamkeit. Das Braun hatte eine Tiefe, eine Reinheit, die man bei Erwachsenen selten findet. Als wäre die Farbe noch frisch, noch nicht verblasst durch die Jahre...
Ich folgte ihm nicht. Ich plante es nicht. Es war ein Zufall. Eine Begegnung, die nicht hätte stattfinden sollen. Der Junge lieferte eine Nachricht an einen Mann, der nicht mehr am Leben war. An einem Ort, der mein Versteck hätte sein sollen.
Die Entfernung der Augen war fast schmerzlich in ihrer Einfachheit. Ein schneller Schnitt. Ein präziser Eingriff. Keine Komplikationen. Keine Herausforderung. Fast enttäuschend in der Routine. Und doch, als die braunen Augen in die konservierende Flüssigkeit glitten, fühlte es sich anders an. Wichtiger. Bedeutsamer. Als wäre dieser Mord nicht nur ein weiterer Schritt in der Mission, sondern ein Wendepunkt. Ein Moment, der nicht rückgängig gemacht werden konnte.
Und doch... die hellbraunen Augen waren die schwerste Ergänzung. Die Unschuld, die in ihnen lag, war selbst durch den Tod nicht gemindert. Sie sahen mich an aus dem Glas, anklagend, fragend. Warum? Warum ich? Warum dies?
Das Versteck. Der sichere Ort. Der einzige Ort, an dem die Stimmen leiser werden und die Erinnerungen verblassen. Dort. Nur dorthin. Immer tiefer in die Eingeweide der Stadt.
Eine letzte Erinnerung vor der Dunkelheit. Der Kommandant der neuen Söldner. Zale. Der Mann, der die neue Ordnung bringen sollte. Der Mann, der die Vergangenheit zurückbringen würde. Die Vergangenheit, vor der ich geflohen war.
Stahlgrau auf Autorität. Eine passende Kombination für einen Mann seiner Position. Die stahlgrauen Augen waren hart und unbeugsam wie das Metall der Welt, in der wir leben. Augen, die Befehle gaben, ohne zu zögern. Die töteten, ohne zu fragen. Die selbe Kälte, die selbe Berechnung, die ich in so vielen anderen Augen gesehen hatte. In denen des Doktors. In meinen eigenen, wenn ich in einen Spiegel blickte.
"Die neue Ordnung beginnt heute" hatte er verkündet, seine Stimme hallte durch die Straßen über die Lautsprecher. "Alle Bewohner werden registriert. Alle Bewohner werden kategorisiert. Die Nützlichen bleiben. Die Überflüssigen gehen."
Dieselben Worte. Dieselben Befehle. Dieselbe Ordnung wie damals in Sektor 220. Die Geschichte wiederholte sich. Der Albtraum kehrte zurück.
Zale besaß die arrogante Sorglosigkeit eines Mannes, der seine eigene Unverwundbarkeit glaubt. Der sich sicher fühlt in seinem Thron aus Macht und Angst. Er hatte Wachen. Er hatte Sicherheitsprotokolle. Er hatte Paranoia.
Aber er hatte keine Ahnung, was wirkliche Angst war. Was wirkliche Gefahr. Was wirkliche Bedrohung.
Die Infiltration des "Roten Rancor" war eine Herausforderung. Die Sicherheitsmaßnahmen waren umfangreich. Die Wachen wachsam. Aber Tunnel führen überall hin. Wände sind nie so solid, wie sie scheinen. Und mein Körper erlaubt Bewegungen, die kein normaler Mensch vollbringen könnte.
Es dauerte Stunden, das System zu überwinden. Die Wachen zu umgehen. Den privaten Raum zu erreichen, in dem er seinen Drink genoss. Allein. Ungeschützt. Verwundbar.
Der Ausdruck in seinen Augen, als er mich erkannte... Nicht Angst. Nicht sofort. Zuerst Verwirrung. Dann Erkenntnis. Dann eine Art perverse Zufriedenheit, als hätte er einen lange gesuchten Feind endlich gefunden.
"Du also", sagte er, sein Glas noch immer in der Hand. "Der berüchtigte Augenmörder. Ich hatte mir mehr vorgestellt."
"Deine Augen", antwortete ich, das Messer bereits in der Hand. "Sie haben zu viel gesehen."
"Was habe ich gesehen?" fragte er, ohne seinen Drink abzustellen. Ohne Alarm zu schlagen. Mit einer Art faszinierter Neugier. "Was könnte so wichtig sein, dass du dein Versteck verlässt, um mich aufzusuchen?"
"Sektor 220" sagte ich. Nicht meine Stimme. Nicht meine Worte. "Die goldenen Abzeichen. Die schwarzen Uniformen. Die Säuberungen."
Eine Erkenntnis huschte über sein Gesicht. Ein Verstehen. Eine Bestätigung.
Der Schnitt durch den Hals war präzise. Tödlich. Fast gnädig in seiner Effizienz. Die stahlgrauen Augen waren nicht besonders in ihrer Struktur oder Farbe. Nicht selten. Nicht einzigartig. Aber bedeutsam in dem, was sie repräsentierten. Eine Verbindung. Ein Kreis, der sich schloss.
Der verlassene Kontrollraum kommt in Sicht. Die primitive Heimat, geschaffen aus Schrott und Verzweiflung. So nah. So nah.
Die Tür öffnet sich—
Und die Welt bleibt stehen.
Auf dem einzigen Stuhl sitzt jemand. Mit dem Rücken zur Tür. Die Beine überschlagen, hochgelegt auf den Tisch. Lässig. Unbekümmert. Wie ein Besucher, der zu Hause ist.
Eine schwarze Maske auf dem Tisch. Daneben eine goldene Brosche. V.
Blonde Haare im Dutt, doch viele Strähnen fallen wild heraus. Eine gezielte Unordnung. Eine kalkulierte Nachlässigkeit, die mehr Mühe kostet als Präzision.
In der Hand ein Glas. Mein Glas. Mit den Augen des Rodianers. Meinen Augen. Die ich genommen habe, weil sie gesehen haben, was niemand sehen sollte.
In der anderen Hand ein Messer. Dünn. Silbern. Es reflektiert das schwache Licht in hypnotischen Mustern.
"Da bist du ja endlich."
Die Stimme ist hoch. Kindlich fast. Und doch ist da etwas darin, das die Haut kribbeln lässt und das Metall zum Vibrieren bringt. Ein Unterton von etwas, das nicht menschlich ist. Nicht natürlich. Ein falscher Ton in einer vertrauten Melodie.
Die Stimmbänder versagen. Die Worte bleiben stecken. Die Beine gehorchen dem Befehl zurückzuweichen, aber langsam. Zu langsam.
Die Gestalt dreht das Glas mit den schwimmenden Augen gegen das Licht. Eine abwesende Geste, wie jemand, der die Form einer Weintraube studiert, bevor er sie isst.
"All das Chaos - nur deswegen? Ich werde dich nie verstehen, altes Relikt..."
Sie klingt amüsiert. Belustigt über etwas, das nur sie versteht. Ein privater Witz, dessen Pointe in den goldenen Augen funkelt, die ich nicht sehen kann, aber die ich spüre.
"Hübsche Augen übrigens." Sie schwenkt das Glas leicht, lässt die Augen darin tanzen wie makabre Ballerinas. "Du solltest sie behalten. Als Andenken."
Die Beine bewegen sich schneller jetzt. Zurück zur Tür. Zurück in die relative Sicherheit der Tunnel. Weg von dieser Stimme. Weg von dieser Präsenz, die kälter ist als Metall im Weltraum.
"Versuch es gar nicht - ich bin eh schneller als du..."
Ein Kichern folgt den Worten. Hoch und melodisch und absolut grauenvoll in seiner gespenstischen Fröhlichkeit.
Dann dreht sie sich um.
Das Gesicht ist wie eine Puppe. Zu perfekt. Zu symmetrisch. Die Haut zu glatt, die Züge zu ebenmäßig. Es ist, als hätte jemand die Idee eines menschlichen Gesichts genommen und sie mit unmenschlicher Präzision nachgebaut.
Die Narbe auf ihrer linken Wange ist der einzige Fehler in der Perfektion. Eine geschwungene Linie, die vom Jochbein etwa zwei Zentimeter die Wange hinab verläuft. Fast künstlerisch in ihrer Platzierung. Zu ordentlich, um ein Unfall zu sein. Ein Signatur eines perversen Künstlers.
Ihre goldenen Augen leuchten intensiver als meine eigenen. Neuer. Moderner. Effizienter. Das neueste Modell, während ich veraltete Technik bin. Ein Relikt, wie sie sagte. Ein Überbleibsel aus einer vergangenen Ära.
Sie ist jung. Zu jung. Kaum mehr als ein Mädchen, vielleicht achtzehn Jahre. Ein Kind noch, mit Augen aus Gold und einer Seele aus Eis.
"Was ist los? Freust du dich nicht, mich zu sehen?"
Die Augen scannen jedes Detail. Jede Beschädigung. Jeden Fehler. Jede Schwachstelle wird katalogisiert, bewertet, für später gespeichert.
Eine weitere Erinnerung bricht hervor. Der Doktor, der über mir steht. Die stechenden dunklen Augen, fast schwarz, die mich durchbohren wie chirurgische Bohrer. Die Hände, die das Skalpell halten mit der Präzision eines Künstlers.
"Die erhöhte Aggression könnte von Vorteil sein", sagt er zu seinem Assistenten, der besorgt über die Messwerte schaut. "Das Subjekt benötigt diesen Antrieb für Feldoperationen."
"Aber Doktor", protestiert der Assistent, seine grauen Augen voller Sorge, "die Werte überschreiten die Sicherheitsparameter. Das könnte die Kontrollierbarkeit beeinträchtigen."
"Ein kalkuliertes Risiko", sagt der Doktor mit ruhiger Stimme. "Optimale Leistung erfordert manchmal Kompromisse bei der Vorhersagbarkeit."
Die Erinnerung verblasst, ersetzt durch die grauenvolle Gegenwart dieser goldäugigen Puppe, die mich mit kindlicher Neugier mustert.
"Wie habt ihr mich gefunden?" Die Stimme ist fremd. Verzerrt durch statisches Rauschen. Durch Angst.
Sie bewegt sich plötzlich. Ein explosiver Satz von unmenschlicher Geschwindigkeit. Die Hände drücken vom Tisch ab, der Körper fliegt durch die Luft in einer Rückwärtsdrehung, die jeder Schwerkraft spottet. Sie landet vor mir, eine perfekte Landung ohne das geringste Geräusch.
Die Bewegungen sind zu präzise. Zu berechnet. Wie eine Zirkusakrobatin, die für die Perfektion geboren wurde. Oder dafür erschaffen.
"Du bist nicht gerade subtil. Eine Spur aus Leichen mit fehlenden Augen? Wirklich?"
Sie kreist um mich. Wie ein Raubtier, das seine Beute begutachtet. Studiert. Ihre goldenen Augen nehmen jedes Detail auf. Jede beschädigte Platte. Jeden freiliegenden Draht. Jede zuckende Verbindung.
"Deine Muster sind doch stets dieselben... da kann jemand nicht gegen seine Programmierung ankämpfen..."
Ihr Finger tippt spielerisch gegen die Stelle, wo der Schuss mich getroffen hat. Wo das System noch immer Fehler meldet und Schmerzsignale sendet, obwohl kein Schmerz mehr da sein sollte. Nicht für ein Wesen aus Metall und Schaltkreisen.
"Da hast du dich aber hart erwischen lassen." Sie lacht. Ein Klang wie zersplitterndes Glas und fallendes Wasser.
Eine weitere Erinnerung. Der Assistent des Doktors, der an den Implantaten arbeitet. Seine Hände zittern leicht, als er die feinen Drähte mit den Nervenenden verbindet.
"Diese Iriden sind ein Meisterwerk", murmelt er, seine braunen Augen voll konzentrierter Faszination. "Die Sehschärfe ist zehnmal höher als bei einem normalen Menschen, die spektrale Sensitivität reicht weit in den Infrarot- und Ultraviolettbereich hinein."
"Und die Übertragungsgeschwindigkeit?", fragt der Doktor, ungeduldig wie immer.
"Nahezu in Echtzeit", antwortet der Assistent. "Die neuronalen Schnittstellen sind perfekt integriert. Sobald das Subjekt erwacht, wird es sehen, wie kein Mensch je gesehen hat."
"Nicht 'es'", korrigiert der Doktor, ein seltener Anflug von... was? Zuneigung? Stolz? huscht über sein sonst so kontrolliertes Gesicht. "Er. Mein Meisterwerk. Mein..."
Die Erinnerung wird unterbrochen durch die kindliche Stimme der goldäugigen Puppe.
"Warst du das im Lagerhaus?" Die Worte kommen zitternd. Die Wut darunter kaum kontrolliert. Die Erinnerung an die toten Körper. Die blutigen Wände. Die Augen, die noch in den Gesichtern waren, aber für immer gebrochen.
Ihr Gesicht hellt sich auf. Eine perfekte Imitation von kindlicher Freude. Ein digitales Lächeln auf einem analogen Gesicht.
"Hat es dir gefallen?" Sie klingt aufrichtig neugierig. Wie ein Kind, das ein Geschenk überreicht und auf Lob wartet. "Es war ein Geschenk für dich!"
Sie tanzt förmlich vor mir, ihre Bewegungen zu flüssig, zu graziös, um menschlich zu sein.
"Ich dachte mir, ich arrangiere etwas Besonderes. Ein kleines Kunstwerk!"
"30 Tote für ein Kunstwerk?!" Die Worte kommen zischend durch zusammengepresste Zähne. Die Wut ist echt. Die Empörung auch. Der Grund dafür unklar.
Sie zuckt mit den Schultern. Eine zu menschliche Geste für ein Wesen, das so weit entfernt von Menschlichkeit ist.
"Oh, ich habe die genaue Zahl nicht mitgezählt." Sie kichert, eine Hand kokett vor den Mund gehalten. "Die Nachahmung deiner Morde war so... langweilig..."
Deine Morde. Meine Morde. Die Erinnerungen flackern auf. Die ersten. Die Nötigen. Die Befohlenen. Dann mehr. Dann eigene. Aus eigener Entscheidung. Aus eigenem Antrieb. Die seltenen Augen. Die besonderen Farben. Die hypnotische Anziehungskraft, die sie auf mich ausübten. Die Stimme in meinem Kopf, die immer besessener wurde: "Diese Augen. Nimm diese Augen. Nimm sie dir."
Die grünen Augen der Mirialanerin. Die roten Facetten des Duros. Die gelben Augen des Trandoshaners. Die braunen Augen des Jungen. Die grauen Augen des Kommandanten. Alle blickten sie mich an aus ihren Gläsern. Anklagend. Fragend. Verurteilend.
"Warum?" Das Wort kommt gequält hervor. Unverständnis. Genuines Unverständnis. Für sie. Für mich selbst.
"Warum nicht?" Sie lacht wieder. Hellklingend und furchtbar. "Du bist wirklich furchtbar altmodisch in deinen Methoden. So... uninspiriert."
Eine letzte Erinnerung. Der Doktor, der vor einem großen Bildschirm steht. Auf dem Schirm ein Hologramm eines anderen Labors. Eines anderen Teams. Eines anderen Projekts.
"Die V-Serie macht bemerkenswerte Fortschritte", sagt eine Stimme aus dem Hologramm. "Die neuen Modelle zeigen eine weit höhere Effizienz und nahezu keine Fehlfunktionen."
"Projekt Mirtis verfolgt einen anderen Ansatz", entgegnet der Doktor, seine dunklen Augen fixieren das Hologramm mit intensiver Konzentration. "Wir optimieren für Anpassungsfähigkeit und komplexe Aufgaben, nicht für Standardisierung."
"Die Zukunft gehört den V-Modellen", sagt die Stimme unbeeindruckt. "Die neuen Prototypen zeigen überlegene Leistungswerte. Sie sind schneller, stärker, stabiler. Und vor allem: zuverlässiger im Einsatz."
"Meine Entwicklung erfordert gewisse kognitive Freiheiten", erklärt der Doktor sachlich. "Die Fähigkeit zur Improvisation ist essenziell für seine Einsatzprofile."
"Genau das macht ihn zu einem unkalkulierbaren Sicherheitsrisiko", erwidert die Stimme kühl. "Ein Agent mit zu viel Eigeninitiative wird unzuverlässig."
"Oder effizienter", murmelt der Doktor, so leise, dass es nicht für die Übertragung bestimmt war. "Eine neue Dimension der Einsatzfähigkeit..."
Die Erinnerung verblasst, löst sich auf wie Nebel im Sonnenaufgang, der in der Blutstadt nie kommt.
Sie ist näher jetzt. Zu nah. Die goldenen Augen direkt vor meinen. Der Geruch nach Metall und Öl und etwas Süßem, das nicht identifizierbar ist, aber bekannt. Vertraut wie ein vergessener Traum.
"Ist sie hier?" Die Frage, die alles andere überlagert. Die wichtigste Frage. Die gefährlichste Frage.
Sie tanzt zurück, dreht eine perfekte Pirouette auf der Stelle. Ihre Arme ausgebreitet wie die Flügel eines exotischen Vogels.
"Hast du gesehen, was oben passiert?"
Sie kommt unvermittelt nah. Zu nah. Ihr Gesicht Zentimeter vor meinem. Die goldenen Augen intensiv und durchdringend wie Laserbohrer.
"Glaubst du etwa, das war alleine ich? So gut ist nur eine..."
Die Erkenntnis trifft wie ein physischer Schlag. Die Wahrheit hinter den Ereignissen. Die Wahrheit hinter der "Säuberung".
"Diese ganze 'Säuberungsaktion'" sie macht Anführungszeichen mit den Fingern, eine weitere zu menschliche Geste, "ist nur, um hinter dir aufzuräumen."
Die Hände greifen an den Kopf. Umklammern den Schädel aus Metall und Keramik, als könnten sie das Wissen zurückhalten, das sich wie eine Flut in das Bewusstsein ergießt. Die Systeme drohen zu kollabieren unter der Belastung der Erkenntnis.
Bilder stürzen ein. Sektor 220. Die schwarzen Uniformen mit den goldenen Abzeichen. Die methodischen Durchsuchungen. Die effizienten Eliminierungen. Die präzisen Schüsse, die nie ihr Ziel verfehlten.
Und dazwischen, wie ein goldenes Leuchtfeuer in einem Ozean aus Dunkelheit, diese Augen. Diese unmenschlichen Augen, die meinen so ähnlich und doch so fremd waren. Kälter. Präziser. Tödlicher.
"Wo ist sie?" Die Frage ist ein Flehen jetzt. Verzweifelt. Angsterfüllt.
"Sie ist sehr, sehr schlecht gelaunt, weißt du?" Ihr Grinsen wird breiter. Unmenschlich weit. Ein Ausdruck jenseits von Freude. Von Sadismus. Von Verstehen.
Sie kommt näher, eine Hand erhoben. Tätschelt meine Wange wie bei einem Kind. Mein Körper erstarrt unter der Berührung. Eine Berührung, die kalt ist, wo sie warm sein sollte. Metall unter synthetischer Haut. Wie ein Spiegel meiner selbst.
"Extra von Tatooine anreisen zu müssen, nur um hinter dir aufzuräumen... das würde jeden verärgern."
Tatooine. Die Wüstenwelt. Die Stadt aus Metall in der Stadt aus Sand. Das Training. Die Tests. Die Schmerzen.
Etwas bricht durch die Barrieren des Gedächtnisses. Ein Fetzen Erinnerung, so brutal in seiner Intensität, dass die Systeme kurzzeitig ausfallen. Das Bild einer Wüste. Eines Komplexes aus Stahl und Keramik, halb im roten Sand vergraben. Eines Ortes, der nicht auf Karten verzeichnet war. Eines Ortes, der nicht existieren sollte.
Und dort, in diesem versteckten Komplex, ein Raum. Ein Labor. Ein Operationstisch. Und darauf... mehrere Körper. Junge Frauen, kaum mehr als Mädchen. Mit geöffneten Schädeln. Mit freigelegten Gehirnen. Mit implantierten Schaltkreisen.
Und eine von ihnen, die mich ansieht mit unvollendeten Augen. Augen, die bereits golden schimmern, aber noch nicht leuchten. Wie Sterne, die erst geboren werden.
"Sieh", sagt der Doktor, seine Stimme ungewohnt sanft. "Deine Schwestern. Deine Zukunft."
Schwestern. Das Wort hallt wider in den Schaltkreisen. Ein Wort, das keine Bedeutung haben sollte. Ein Konzept, das für ein Wesen aus Metall und Fleisch keine Relevanz besitzen dürfte.
Und doch...
"Sie ist im Huttenpalast und wartet auf die Detektivin und ihre Freunde."
Die Detektivin. Die blauen Augen. Die blonden Haare. Die tödliche Präzision.
"Du wirst sie auch bald treffen... bete schon mal, dass sie dich diesmal nicht in deine Einzelteile zerlegt."
Die Systeme versagen. Die Überlastung ist zu groß. Die Erinnerungen zu schmerzhaft. Die Angst zu überwältigend.
Die Welt verschwimmt am Rand. Der Doktor erscheint. Das weiße Labor. Der Operationstisch mit den Gurten, die in Fleisch schneiden und Metall kratzen.
"Du wirst mein Meisterwerk sein. Der erste von vielen."
Seine Stimme. Immer seine Stimme. Die Stimme, die befiehlt. Die erschafft. Die zerstört.
"Die Augen... die Augen sind der Schlüssel zu allem..."
Die Worte verschmelzen mit einer anderen Stimme. Einer späteren Stimme. Der Kommandostimme, die über Jahre hinweg befahl und kontrollierte und leitete.
"Bring mir ihre Augen. Sie haben zu viel gesehen."
"Die Augen sind der Schlüssel. Die Augen öffnen die Tür zur Wahrheit. Die Augen müssen blind werden."
"Sammle sie. Bewahre sie. Studiere sie. In ihnen liegt das Geheimnis unserer Existenz."
Befehle, die zu Obsessionen wurden. Anweisungen, die zu Trieben mutierten. Programmierung, die zu Persönlichkeit degenerierte. Der schmale Grat zwischen Maschine und Mensch, zwischen Werkzeug und Wesen.
Die Welt wird dunkler. Die Systeme fahren herunter. Die Notabschaltung beginnt. Eine Gnade für ein Wesen, das keine verdient.
Ein Klatschen direkt vor dem Gesicht. Laut. Scharf. Schmerzhaft für empfindliche Audiosensoren.
"Keine Zeit für Nickerchen... wir haben ein Date..."
Sie steht da. Nicht mehr das Kind mit dem sadistischen Lächeln. Sondern die Jägerin mit den goldenen Augen. Die Vollstreckerin eines Urteils, das vor Jahren gefällt wurde.
Sie schnippt mit den Fingern und deutet mit einer fließenden Geste Richtung Tür.
"Auf, auf... wir wollen doch nicht zu spät kommen..."
Die Befehle folgen einer bekannten Stimme. Einem vertrauten Muster. Eine Programmierung, die tiefer sitzt als jede bewusste Entscheidung.
Der Körper richtet sich auf. Die Systeme stabilisieren sich notdürftig. Die Beine bewegen sich vorwärts.
Die defekten Systeme durchlaufen eine letzte Diagnose, während das Bewusstsein verblasst. Die Fehlfunktionen werden katalogisiert, protokolliert, analysiert. Mechanisch. Emotionslos. Die Maschine übernimmt, wo der Mensch versagt.
"Systemfehler: Kritische neuronale Abweichung."
"Fehlfunktion: Abnorme Fokussierung auf optische Sensoren anderer Organismen."
"Diagnose: Irreparable Schizophrenie durch Schnittstellendegradation."
"Empfehlung: Vollständige Deaktivierung und Demontage."
Die Meldungen blinken im verdunkelten Bewusstsein, ungesehen, unbeachtet. Eine kalte Erkenntnis bleibt: Es war nie eine Mission. Nie ein Auftrag. Nur der Wahnsinn einer defekten Maschine, die glaubte, den Stimmen in ihrem Kopf zu gehorchen.
Der Körper folgt der Gestalt mit den goldenen Augen in die Dunkelheit. In die Tunnel der Blutstadt. In das Labyrinth, aus dem es kein Entkommen gibt.
In eine Zukunft, die längst geschrieben war.