
Der rote Nebel der Blutstadt hatte sich in den Tagen nach dem Einfall der Söldner verändert. Dunkler war er geworden, beinahe schwärzlich, als hätte sich Asche mit dem allgegenwärtigen Dunst vermischt. Er kroch durch die verlassenen Straßen wie eine lebendige Entität, verdeckte gnädig die Spuren der Verwüstung, die sich durch den gesamten Sektor zogen.
In einem verlassenen Lagerhaus im äußersten Südosten des Sektors, weit entfernt von den Patrouille-Routen der Hutten-Söldner, hatten Fayar und Lillith einen temporären Unterschlupf gefunden. Das Gebäude war alt, die Metallwände verwittert und von Rost zerfressen – ein perfektes Versteck in einer Stadt, die zunehmend in den Händen unbekannter Mächte lag.
Fayar zischte leise, als Lillith den improvisierten Verband an ihrem Oberarm festzog. Ein Blasterschuss hatte sie während ihrer Flucht aus den Tunneln erwischt – nichts Lebensbedrohliches, aber schmerzhaft genug, um ihre Beweglichkeit einzuschränken.
"Du hast Glück", sagte Lillith, während sie den Verband mit einem gezielten Zug festknotete. "Nur ein Streifschuss. Ein paar Zentimeter weiter, und wir hätten ein ernsthaftes Problem."
"Glück sieht anders aus", murmelte Fayar, während sie vorsichtig ihren Arm testete. Der Schmerz schoss durch ihre Schulter, aber sie biss die Zähne zusammen. "Wie sieht's bei dir aus?"
Lillith lehnte sich zurück, zog das zerrissene Bein ihres Bodysuits hoch, um ihre eigene Verletzung zu begutachten. Die Wunde, die der Cthon in den Tunneln hinterlassen hatte, war tief und hässlich, aber nicht infiziert – zumindest noch nicht.
"Werde es überleben", sagte Lillith mit einem schmalen Lächeln, während sie ihr Hosenbein wieder herunterzog. Ihr Blick wanderte durch die staubigen Fenster des Lagerhauses, wo in der Ferne das Aufblitzen von Blasterfeuer zu sehen war. "Aber wenn wir Dex und die anderen nicht bald finden..."
Ihre Worte wurden zu einem bedächtigen Schweigen. Seit ihrer Flucht aus dem Wasseraufbereitungswerk vor zwei Tagen hatten sie jede mögliche Spur verfolgt, jeden bekannten Treffpunkt und Notfallsammelplatz überprüft. Keine Hinweise auf Dex. Keine Spur der Flüchtlinge. Nur leere Verstecke oder, schlimmer noch, Anzeichen hastiger Flucht und Blutflecken an den Wänden.
Die Blutstadt hatte sich in wenigen Tagen verändert, war von einem chronisch gefährlichen Ort zu einem wahren Kriegsgebiet mutiert. Söldnerpatrouillen durchkämmten systematisch jeden Block, jeden Korridor, jeden versteckten Winkel. Doch es war nicht nur ihre Anzahl, die beunruhigend war, sondern ihre neugewonnene taktische Präzision.
"Sie bewegen sich nicht wie typische Hutten-Schläger", sagte Lillith leise, während sie eine Patrouille beobachtete, die mit militärischer Genauigkeit einen Wohnblock durchsuchte. "Sieh dir ihre Formation an, ihre Kommunikation. Als hätte jemand sie über Nacht neu trainiert."
Fayar nickte grimmig. Als stellvertretende Sicherheitschefin hatte sie die Hutten-Söldner jahrelang beobachtet – undisziplinierte Schläger, brutal und effektiv, aber chaotisch in ihrer Vorgehensweise. Was sie jetzt sah, war etwas völlig anderes: koordinierte Trupps, präzise Durchsuchungsmuster, strategische Kommunikation. Fast professionell. Fast... militärisch.
"Drei Wochen Augenmorde, ein Bürgerkrieg, und jetzt das", flüsterte sie, die Bitterkeit in ihrer Stimme kaum verhohlen. "Die Blutstadt, die ich kannte, existiert kaum noch."
Die bedrückende Stille zwischen ihnen wurde plötzlich von einem metallischen Schaben durchbrochen. Beide Frauen erstarrten, ihre Hände glitten instinktiv zu ihren Waffen. Ein weiteres Geräusch, näher diesmal – das unverkennbare Klicken von Stiefelabsätzen auf Metallboden.
Ohne ein Wort zu wechseln, griffen Fayar und Lillith ihre spärlichen Habseligkeiten und zogen sich tiefer in die Schatten des Lagerhauses zurück. Ein vertikaler Lüftungsschacht bot eine schmale Fluchtmöglichkeit – eng, aber ausreichend.
Lillith bedeutete Fayar, zuerst zu klettern. Die stellvertretende Sicherheitschefin zögerte nicht, ignorierte den stechenden Schmerz in ihrem verletzten Arm und zog sich in den dunklen Schacht hinauf. Lillith folgte ihr, ihre Bewegungen erstaunlich lautlos trotz ihrer Beinverletzung.
Keine Sekunde zu früh. Kaum hatte Lillith den Lüftungsgitter wieder an seinen Platz geschoben, als die Tür zum Lagerhaus aufglitt. Durch eine schmale Öffnung im Gitter konnten sie beobachten, wie vier Söldner in schwerer Rüstung den Raum betraten, ihre Bewegungen präzise und methodisch.
"Raum sichern", befahl einer von ihnen, seine Stimme durch den Helm verzerrt, aber deutlich zu verstehen. "Standard-Durchsuchungsmuster Delta."
Die vier verteilten sich im Raum, bewegten sich in einer Choreografie, die von häufigem Training zeugte. Ihre Blaster schwenkten in perfekten Bögen, ließen keinen Winkel unbeobachtet. Einer von ihnen näherte sich sogar kurz dem Lüftungsschacht, hielt aber vor einer genaueren Untersuchung inne, als sein Kamerad ihn weiterrief.
"Klar", meldete er schließlich. "Spuren kürzlicher Nutzung, aber der Bereich ist nun gesichert."
"Weiter zum nächsten Sektor", befahl der Anführer. "Kommandantin Xyra will bis 2200 den gesamten östlichen Quadranten durchsucht haben."
Die Söldner verließen den Raum so präzise, wie sie gekommen waren, die metallische Tür schloss sich hinter ihnen mit einem endgültigen Klicken.
Fayar und Lillith verharrten im Lüftungsschacht, warteten weitere kostbare Minuten, um sicherzugehen, dass die Patrouille wirklich abgezogen war. Erst dann kletterten sie vorsichtig zurück in den Hauptraum.
"Xyra?", fragte Lillith mit erhobener Augenbraue, während sie ihre Ausrüstung überprüfte. "Ein neuer Name im Spiel..."
"Und sie scheint die Fäden zu ziehen", ergänzte Fayar nachdenklich. "Diese Söldner... sie waren nicht wie die üblichen Schläger. Sie waren..."
"...professionell", beendete Lillith ihren Satz. "Ausgebildet. Koordiniert." Sie warf einen Blick durch das staubige Fenster auf die Straße, wo weitere Patrouillen zu sehen waren. "Wir müssen mehr über diese Kommandantin herausfinden. Und wir brauchen Verbündete."
Fayar nickte, ihr Gesicht eine Maske aus Erschöpfung und Entschlossenheit. "Es gibt nur eine Gruppe, die möglicherweise noch Widerstand leistet." Ihre Stimme wurde fester, während neue Hoffnung in ihr aufkeimte. "Orlen. Wenn jemand noch kämpft, dann er."
"Dann lass uns ihn finden", entschied Lillith. "Bevor diese Xyra und ihre Söldner uns finden."

Der zentrale Marktplatz der Blutstadt war einst das pulsierende Herz des Sektors 340-NJ gewesen. Hier hatten die Bewohner trotz der harten Lebensbedingungen einen Ort des Austauschs, des Handels und der Gemeinschaft gefunden. In den engen Gassen und improvisierten Ständen konnte man alles finden – von frischen Lebensmitteln bis zu illegalen Waffenteilen, von medizinischen Vorräten bis zu gestohlener Technologie.
Doch an diesem Morgen, während der künstliche Tagesanbruch die ewige rote Dämmerung kaum aufhellte, bot der Marktplatz ein völlig anderes Bild. Die meisten Stände waren verlassen, die wenigen, die noch geöffnet hatten, wurden von nervösen Händlern betrieben, die ihre Waren mit gesenktem Blick verkauften. Die übliche Geschäftigkeit, das Feilschen und Verhandeln, war einem beklemmenden Schweigen gewichen, unterbrochen nur von metallischen Schritten der patrouillierenden Söldner.
Nila Renx, eine ältere Menschenfrau, schlüpfte aus ihrer beengten Wohnung im Block 74, einen abgenutzten Beutel fest in der Hand. Ihr schmales Gesicht war von tiefen Sorgenfalten durchzogen, ihre Augen huschten nervös umher, während sie sich durch die fast leeren Straßen bewegte. Die wenigen Credits, die sie besaß, reichten kaum für das Nötigste, aber ihr Enkelsohn brauchte Medizin, und so musste sie es wagen, sich auf den Markt zu begeben.
Als sie die Hauptstraße erreichte, blieb sie abrupt stehen, gefroren von dem Anblick, der sich ihr bot. In der Mitte des Platzes war eine provisorische Plattform errichtet worden, umringt von schwer bewaffneten Söldnern. Eine Menschenmenge hatte sich versammelt – nicht freiwillig, so schien es, sondern unter Zwang. Söldner an den Rändern hielten ihre Waffen bereit, zwangen die verängstigten Bewohner, stehen zu bleiben und zuzusehen.
Auf der Plattform kniete ein junger Mann, sein Gesicht blutig und geschwollen. Seine Hände waren hinter dem Rücken gefesselt, sein Körper zitterte vor Erschöpfung oder Angst – vermutlich beidem. Neben ihm stand eine Gestalt, die in deutlichem Kontrast zu den kastenförmigen, schwer gerüsteten Söldnern stand.
Die Frau war groß und muskulös, doch bewegte sich mit einer Anmut, die an eine Raubtierart erinnerte. Ihre Haut war von einem blassen, fast weißlichen Ton, typisch für ihre Spezies – eine Rattataki. Rituelle Tätowierungen und Narben zogen sich über ihr kahles Haupt und ihr markantes Gesicht, bildeten komplizierte Muster, die in der kulturellen Tradition ihres Volkes Stärke und Macht symbolisierten. Sie trug eine maßgeschneiderte, eng anliegende Rüstung in Schwarz und Blutrot, die ihre athletische Figur betonte, ohne ihre Bewegungsfreiheit einzuschränken. An ihrem Gürtel hingen verschiedene Waffen, darunter ein ungewöhnlich filigran gearbeiteter Blaster und ein kurzes Vibromesser mit ornamentiertem Griff.
"Einwohner von Sektor 340-NJ", ihre Stimme war überraschend melodisch, fast sanft, ein bizarrer Kontrast zu der Szene, die sich entfaltete. "Ich bin Kommandantin Xyra, eure neue Sicherheitskoordinatorin im Auftrag des erhabenen Boorka."
Sie bewegte sich mit katzenhafter Grazie über die Plattform, ihre Schritte lautlos trotz ihrer Stiefel. Die Rattataki wirkte jünger als ihr Status vermuten ließ, ihre Bewegungen energetisch und präzise – keine Verschwendung, keine Unsicherheit.
"Der Mann vor euch", fuhr sie fort, während sie eine behandschuhte Hand auf die Schulter des Knienden legte, "war Teil unserer Sicherheitstruppen. Er hat einen Eid geschworen, Ordnung zu bewahren und euch zu schützen." Sie beugte sich näher, ihr Gesicht nur Zentimeter von seinem entfernt. "Stattdessen versuchte er zu desertieren. Versuchte uns zu verraten."
Der kniende Mann murmelte etwas, seine Stimme zu leise, um von der Menge gehört zu werden. Xyra lächelte – ein Lächeln, das ihre kalten Augen nicht erreichte – und strich mit fast liebevoller Geste über sein geschwollenes Gesicht.
"Er sagt, er habe Familie gehabt", übersetzte sie laut. "Kinder, die ihn brauchten. Er sagt, er wollte nur fliehen, uns nicht verraten."
Sie richtete sich wieder auf, adressierte die Menge mit einer theatralischen Geste. "Aber seht ihr – in diesen schweren Zeiten ist Flucht Verrat. Verantwortungslosigkeit ist Verrat." Ihre Stimme wurde härter, schneidender. "Zweifel ist Verrat."
Mit einer fließenden Bewegung zog sie das Vibromesser von ihrem Gürtel, die Klinge summte leise, als sie aktiviert wurde. Nila presste eine Hand auf ihren Mund, unfähig, den Blick abzuwenden, während der junge Mann zu schluchzen begann.
"Wir durchleben einen wichtigen Übergang", erklärte Xyra, während sie die Messerspitze spielerisch über die Wange des Mannes gleiten ließ. "Eine Reinigung. Eine Läuterung. Die alte Ordnung – korrupt, ineffizient, schwach – wird durch eine neue ersetzt. Stärker. Reiner." Ein schmales Lächeln umspielte ihre Lippen. "Besser."
Mit einer Bewegung, so schnell, dass Nila sie kaum sah, fuhr das Messer durch die Luft. Der kniende Mann erstarrte, ein Ausdruck ungläubiger Überraschung auf seinem Gesicht, bevor ein dünner roter Strich an seinem Hals erschien, sich weitete, und ein Strom aus Blut hervorbrach. Er fiel nach vorne, sein Körper erschlaffte in einer grotesken Pose, während sein Leben auf die metallische Plattform sickerte.
Xyra trat zur Seite, um nicht von dem Blut berührt zu werden, ihr Gesicht zeigte eine seltsame Zufriedenheit, fast Genuss, während sie den sterbenden Mann beobachtete. Dann wandte sie sich wieder an die geschockte Menge.
"Merkt euch dies", sagte sie, ihre Stimme nun wieder sanft, fast mütterlich. "Es gibt nur einen Weg nach vorne – durch Gehorsam. Die neue Ordnung duldet keine Abweichungen, keine Schwäche, keine... Individualität."
Sie gab ein Zeichen, und zwei Söldner entfernten den Körper, schleppten ihn achtlos von der Plattform. Das Blut blieb zurück, eine stumme Warnung für alle Anwesenden.
"Ab sofort", fuhr Xyra fort, "beginnt die vollständige Neustrukturierung dieses Sektors. Die Wohnblöcke 62 bis 89 werden evakuiert. Alle Bewohner werden registriert, kategorisiert und bewertet. Die Nützlichen werden neue Unterkünfte erhalten. Die..." sie machte eine elegante Pause, "weniger Nützlichen werden alternative Verwendungen finden."
Nila fühlte, wie ihre Knie weich wurden. Block 74 – dort wohnte sie mit ihrem Enkelsohn. Was würde mit ihnen geschehen? Mit den Kranken, den Alten, den Kindern?
"Geht jetzt", befahl Xyra mit einer wegwerfenden Handbewegung. "Bereitet euch vor. Packt nur das Notwendigste. Und merkt euch: Widerstand ist nicht nur zwecklos – er ist auch tödlich."
Die Menge begann sich langsam aufzulösen, geschoben von den Blastergewehren der Söldner. Nila bewegte sich mechanisch mit ihnen, ihr ursprüngliches Ziel – Medizin für ihren Enkel – vergessen in der neuen, überwältigenden Angst.
Als sie an einem Obststand vorbeiging, hörte sie das Flüstern zweier Söldner, die sich in einer Seitengasse unterhielten. Sie verlangsamte unmerklich ihren Schritt, lauschte.
"...die neuen Befehle sind deutlich präziser", sagte einer, seine Stimme gedämpft durch den Helm. "Früher hieß es nur 'durchsuchen und festnehmen'. Jetzt haben wir detaillierte taktische Anweisungen, Quadranteneinteilungen, sogar Verhaltensprofile für Verdächtige."
"Die Kommandantin ist effizient", stimmte der andere zu. "Seit sie das Kommando übernommen hat, sind unsere Verhaftungsquoten rapide angestiegen."
"Ich frage mich nur, warum jetzt? Der Hutte hätte schon vor Jahren so durchgreifen können, wenn er gewollt hätte."
Eine kurze Pause folgte, dann ein nervöses Lachen. "Frag nicht zu viel, wenn du deine Körperteile behalten willst. Du hast gesehen, was sie mit Desira gemacht hat, nur weil er die Prioritätenliste hinterfragte."
"Ja... du hast recht. Ich folge einfach den Befehlen."
"Kluge Entscheidung. C-Sektor als nächstes. Wir sollten uns beeilen, wenn wir den Zeitplan einhalten wollen."
Die Söldner entfernten sich, ließen Nila mit einem mulmigen Gefühl zurück. Sie hatte die Blutstadt ihr ganzes Leben lang gekannt – ein harter, gefährlicher Ort, aber mit eigenen Regeln, eigener Ordnung. Was jetzt geschah, war etwas anderes. Kälter. Methodischer. Als würde jemand einen chirurgischen Schnitt durch den lebendigen Körper der Stadt führen, ohne Rücksicht auf das, was dabei zerstört wurde.
Nila eilte nach Hause, der Gedanke an ihren Enkelsohn trieb sie an. Sie mussten fliehen, noch heute. Selbst die Tunnel, mit all ihren Gefahren, waren besser als das, was diese neue "Ordnung" für sie bereithielt.
Mit zunehmendem Tempo durchquerte sie die verlassenen Straßen, während über ihr die Lautsprecherdurchsagen in endloser Schleife die "Neuordnung" und "Säuberung" des Sektors verkündeten.
Die Blutstadt hatte sich verändert. Und niemand wusste, ob sie jemals wieder sein würde, was sie einst war.

"Wir können nicht ewig hier ausharren", sagte Lillith, während sie den notdürftig geflickten Kommunikator untersuchte, den sie aus den Trümmern eines verlassenen Söldnerpostens geborgen hatten. "Die Patrouillen werden mit jedem Tag dichter. Unsere Verstecke fallen eines nach dem anderen."
Fayar nickte müde. Drei Tage waren sie nun schon auf der Flucht, pendelten von einem verlassenem Gebäude zum Nächsten. Jede Nacht in einem anderen Versteck, jeder Tag ein Kampf ums Überleben. "Wir brauchen Verbündete. Jemanden, der die Straßen kennt, der ein Netzwerk hat."
"Du denkst wieder an Orlen."
"Falls er noch lebt." Fayar rieb sich die brennenden Augen. "Niemand hat ihn seit Wohnblock 47 gesehen. Manche sagen, er sei gefallen, andere, dass er den Sektor verlassen hat."
"Jemand wie Orlen würde die Blutstadt nicht im Stich lassen", entgegnete Lillith bestimmt. "Nicht solange noch jemand hier ist, der seine Hilfe braucht. Er muss irgendwo sein, sich neu organisieren."
"Und wie finden wir ihn? Wir können kaum Anzeigen in den öffentlichen Terminals schalten."
Lillith lehnte sich zurück, ein nachdenklicher Ausdruck auf ihrem Gesicht. "In meiner Arbeit habe ich gelernt, dass selbst in den chaotischsten Situationen bestimmte Strukturen bestehen bleiben. Informationsflüsse, Versorgungsketten, Kommunikationsnetze – sie passen sich an, werden unsichtbarer, aber sie verschwinden nicht."
Sie betrachtete die Karte der Blutstadt, die sie auf dem Boden ausgebreitet hatten. "Falls Orlen noch Widerstand und Hilfe leistet, braucht er Informationen. Nachschub. Kommunikation. Gibt es in der Blutstadt alte Kommunikationsknoten, die vielleicht nicht mehr im offiziellen Netz sind? Etwas, das übersehen werden könnte?", fragte Lillith nachdenklich.
Fayar nickte, ein kurzes Aufleuchten von Erkenntnis in ihren müden Augen. "Tatsächlich gibt es die. Wartungsknoten aus dem alten System, zu unbedeutend für die Söldner, aber noch funktionsfähig für kurze Nachrichtenübermittlung. Und im südlichen Bezirk sind einige verlassene Lagerhäuser, die wir früher als inoffizielle Übergabepunkte für Informationen nutzten."
"Genau was wir brauchen", sagte Lillith anerkennend. "Du kennst diese Stadt wirklich in- und auswendig."
Ein schwaches Lächeln huschte über Fayars Gesicht. "Wenn man hier aufwächst, lernt man die Schleichwege – oder man überlebt nicht lange."
Sie studierte die Karte einen Moment lang, ein Funken Hoffnung glimmte in ihren müden Augen auf. "Also beobachten wir sie und warten?"
"Besser." Lillith zog einen kleinen, metallischen Gegenstand aus ihrer Tasche – einen Kommunikator. "Wir senden ein Signal. Etwas, das nur Orlen verstehen würde."
In den folgenden Stunden arbeiteten sie an einer codierten Nachricht – kurz, prägnant, mit persönlichen Details, die nur der echte Orlen erkennen würde. Ein Hinweis auf die ursprüngliche Gründung der Bürgerwehr, ein Bezug zu einem Gespräch, das er mit Fayar Wochen vor den ersten Morden geführt hatte.
Mit dem improvisierten Sender platzierten sie die Nachricht auf den von Lillith identifizierten Kanälen – keine direkte Kommunikation, sondern eingebettet in das statische Rauschen der verlassenen Frequenzen, unsichtbar für alle außer denen, die gezielt danach suchten.
Dann begann das Warten.
Zwei weitere Tage vergingen, ohne Antwort. Sie wechselten erneut das Versteck, entgingen nur knapp einer Söldnerpatrouille, die ihr vorheriges Lager durchsuchte. Die Situation wurde verzweifelter, ihre Vorräte neigten sich dem Ende zu.
Am Morgen des dritten Tages, als Fayar an einem der wenigen funktionierenden Wasserhähne des Lagerhauses ihre Feldflasche füllte, bemerkte sie ein leises Klopfen in den alten Wasserrohren. Der Rythmus war stetig: drei Mal schnelles Klopfen, dann drei lange Pausen, dann wieder drei Mal schnell. Eine klassische Notfallsequenz...
"Lillith", flüsterte sie, ohne den Blick vom Wasserhahn abzuwenden. "Komm her. Hör dir das an."
Die Detektivin näherte sich lautlos, lauschte der Sequenz, die sich nun wiederholte. Ein kaum merkliches Lächeln huschte über ihr Gesicht. "Jemand nutzt die Wasserleitungen für codierte Nachrichten. Clever."
"Orlen?"
"Oder jemand, der für ihn arbeitet."
Sie folgten dem schwachen Geräusch durch die Wasserleitungen, gelangten zu einem stillgelegten Duschraum im hinteren Teil des Lagerhauses. Dort, an der Wand, hatte jemand ein Symbol hinterlassen. Ein stilisierter Stern, das ursprüngliche Symbol der Bürgerwehr, bevor Kastors Fraktion es mit dem roten Streifen modifiziert hatte.
"Eine Markierung", murmelte Fayar und berührte vorsichtig das Symbol. "Aber für was?"
Die Antwort kam in Form eines leisen Klopfens – aus der Wand hinter ihnen. Drei kurz, drei lang, drei kurz. Dieselbe Sequenz.
Mit gezogenen Waffen drehten sie sich um, richteten ihre Blaster auf eine scheinbar solide Metallplatte an der gegenüberliegenden Wand. Nach einem Moment des angespannten Schweigens glitt die Platte lautlos zur Seite und enthüllte einen schmalen Durchgang. In der Öffnung stand ein verschlagen aussehender Rodianer, dessen große, facettenartige Augen sie wachsam musterten.
"Ihr habt gerufen", sagte er in gebrochenem Basic. "Orlen schickt Vex, um euch zu holen. Aber zuerst..." Er hob eine Hand, in der ein kleines, handgeschriebenes Stück Flimsi lag. "Beweist, dass ihr seid, wer ihr vorgebt zu sein."
Fayar nahm das Papier entgegen, las die handgeschriebene Frage: "Was war Orlens erste Waffe, als er die Bürgerwehr gründete?"
Sie schmunzelte schwach. Eine Sicherheitsfrage, deren Antwort nur wenige kannten. "Ein modifizierter MR-28 Blaster mit defektem Visier. Er nannte ihn 'Hoffnung', obwohl man damit kaum geradeaus schießen konnte."
Der Rodianer nickte zufrieden und trat zur Seite. "Folgt Vex. Schnell. Patrouille kommt bald."
Sie zögerten nicht, schlüpften durch die Öffnung in einen verborgenen Tunnel, der tief in die Eingeweide der Blutstadt führte. Ihr mysteriöser Führer bewegte sich mit der Sicherheit eines Einheimischen durch das Labyrinth aus Gängen, Leitungen und vergessenen Wartungsschächten.
"Seid ihr wirklich vom offiziellen Sicherheitsdienst?", fragte Vex nach einer Weile, ohne sein rasches Tempo zu verlangsamen.
"Ich bin die stellvertretende Chefin – oder war es", antwortete Fayar. "Die Zentrale existiert nicht mehr."
"Und sie?" Der Rodianer deutete auf Lillith.
"Eine Verbündete", sagte Fayar nach kurzem Zögern. "Sie hat uns geholfen, Dex zu retten... hat uns allen das Leben gerettet. Mehrfach."
Vex betrachtete Lillith mit dem für seine Spezies typischen Seitenblick, seine Antennen zuckten leicht. "Fremde. Nicht aus Blutstadt. Gefährlich Zeit für Fremde."
"Ich bin gekommen, um zu helfen", erwiderte Lillith ruhig. "Und geblieben, weil es das Richtige war."
Der Rodianer schien mit dieser Antwort zufrieden, nickte knapp und führte sie weiter durch das unterirdische Netzwerk. Mehrmals passierten sie versteckte Wachposten – manchmal nur ein plötzliches Aufblitzen einer Reflexion, die andeutete, dass jemand sie beobachtete, manchmal ein Wächter, der im Schatten stand, seine Waffe niemals ganz außer Sicht.
"Orlen hat ein beeindruckendes Netzwerk aufgebaut", bemerkte Lillith anerkennend.
"Überleben", antwortete Vex schlicht. "Er kennt Blutstadt seit immer. Kennt die Wege, die nicht auf Karten stehen. Die sicheren Orte, wo niemand sucht."
Nach einer scheinbar endlosen Wanderung durch die verborgenen Pfade der Blutstadt erreichten sie schließlich einen alten Frachttunnel, der laut der verblassten Markierungen an den Wänden einst zur Belieferung eines Droidenfabrikbereichs gedient hatte.
"Wartet hier", wies Vex an und verschwand in einem Seitengang.
Wenige Minuten später kehrte er mit einer unscheinbaren Mirialanerin zurück, deren tätowiertes Gesicht in der Dunkelheit kaum zu erkennen war. Sie trug die Uniform eines Wartungsarbeiters, doch der Blaster an ihrem Gürtel und ihre wachsame Haltung verrieten ihre wahre Funktion.
"Letzte Sicherheitsprüfung", sagte sie ohne Umschweife. "Identifikation." forderte sie mit flacher Stimme, ihr tätowiertes Gesicht ausdruckslos.
"Fayar Nerin, stellvertretende Sicherheitschefin", antwortete Fayar. "Und Lillith Lavida, Detektivin im Auftrag des... im Auftrag von Kardan."
Die Mirialanerin nickte knapp und legte ihre Hand auf einen unauffälligen Abschnitt der Metallwand. Ein leises Summen ertönte, gefolgt von einem hydraulischen Zischen, als sich ein verborgener Durchgang öffnete.
Hinter der Tür erwartete sie ein überraschend weitläufiger Raum – ein ehemaliger Droidenfabrikationsbereich, der in eine provisorische Kommandozentrale umgebaut worden war. Computerterminale brummten an den Wänden, holografische Karten des Sektors schwebten in der Luft, während an improvisiert aufgestellten Tischen Leute arbeiteten – die meisten tragen das originale Abzeichen von Orlens Bürgerwehr.
"Fayar!"
Die Stimme, die ihren Namen rief, war eine Mischung aus Überraschung und kaum verhohlener Erleichterung. Drav Orlen trat aus einem Nebenraum, sein Gesicht gezeichnet von Erschöpfung, aber seine Augen leuchteten beim Anblick der beiden Frauen auf.
Orlen hatte sich verändert seit sie ihn zuletzt gesehen hatten. Seine Augen waren von tiefen Tränensäcken umrahmt, sein sonst so sorgfältig gepflegter Bart ungekämmt und struppig. Die einst aufrechte Haltung war einer leichten Beugung gewichen, als trüge er eine unsichtbare Last. Jede Linie in seinem erschöpften Gesicht erzählte von durchgewachten Nächten und ununterbrochener Anspannung. Eine frische Narbe zog sich über seine linke Wange, noch rot und nicht vollständig verheilt.
Fayar stürzte nach vorne, umarmte den überraschten Orlen fest. "Bei allen Sternen, wir dachten schon, ihr wärt alle..."
"Tot?", vollendete Orlen mit einem müden Lächeln. "Fast. Aber die Blutstadt hat mich noch nicht unterkriegt." Sein Blick wanderte zu Lillith, wurde sofort wachsamer. "Und Sie haben es also auch geschafft, Detektivin."
"Mit knapper Not", bestätigte Lillith, während sie den Raum musterte. Ihr geübter Blick erfasste jedes Detail – die Karten an den Wänden, die hastigen Notizen, die verstreuten Beweise und Dokumente. "Sie haben hier eine beeindruckende Operation am Laufen, Orlen."
"Das Ergebnis von Tagen voller verzweifelter Arbeit", erwiderte er, während er sie zu einem zentralen Tisch führte. "Nach dem Vorfall in Wohnblock 47 wurden wir überall gejagt. Erst Kastors Leute, dann die Hutten-Söldner. Es war... chaotisch."
Auf dem Tisch lagen Datenpads, Holokarten und handgeschriebene Notizen – ein Netzwerk aus Verbindungen und Theorien, nicht unähnlich der Recherchewand, die sie in Vens Wohnung gefunden hatten. Orlens Untersuchungen hatten sich jedoch auf die größere Verschwörung konzentriert, nicht nur auf die Augenmorde selbst.
"Wie habt ihr es geschafft, diesen Ort geheim zu halten?", fragte Fayar, während sie den weitläufigen Raum betrachtete. "Die Söldner durchkämmen jeden Winkel des Sektors. Warum nicht hier?"
Ein schmales Lächeln huschte über Orlens erschöpftes Gesicht. "Eine Mischung aus List und Glück. Dieser Bereich steht offiziell unter Quarantäne – angeblich wegen einer 'Kontamination mit industriellen Toxinen'. Unsere Leute in den Wartungsteams und der Stadtversorgung haben gefälschte Sensormeldungen in die Systeme eingespeist – Giftgaswerte weit über den tödlichen Schwellen, Strahlen-Anomalien, biologische Gefahrenstoffe."
"Und die Söldner haben das einfach akzeptiert?", fragte Lillith skeptisch.
Niela lachte leise. "Söldner mögen brutal sein, aber sie sind nicht dumm. Niemand riskiert freiwillig eine Lungenkontamination oder Strahlenkrankheit, nur um ein verlassenes Fabrikgelände zu durchsuchen. Sie halten brav Abstand, patrouillieren um den markierten Bereich herum."
"Außerdem", fügte Orlen hinzu, "haben wir einige... theatralische Elemente hinzugefügt. Ein paar strategisch platzierte Leichen von Nagetieren an den Zugängen, künstlicher Nebel mit einem besonders üblen Geruch. Man kann die Söldner förmlich würgen hören, wenn sie in die Nähe kommen."
"Außerdem", fügte Orlen hinzu, "haben wir einige... theatralische Elemente hinzugefügt. Ein paar strategisch platzierte Leichen von Nagetieren an den Zugängen, künstlicher Nebel mit einem besonders üblen Geruch. Man kann die Söldner förmlich würgen hören, wenn sie in die Nähe kommen." Er deutete auf die umfangreiche Ausrüstung im Raum. "Diese relative Sicherheit hat uns erlaubt, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren."
"Seit Wohnblock 47 sammeln wir Informationen", fuhr Orlen fort. "Und was wir herausgefunden haben, ist... beunruhigend. Der Huttenpalast kommuniziert mit jemandem außerhalb des Sektors – verschlüsselte Kanäle, die wir nicht vollständig entschlüsseln können. Und die neuen Söldner verfügen über ungewöhnlich präzise Informationen über die Bewegungen von Kastors Leuten, als hätten sie interne Quellen."
"Oder fortschrittliche Überwachungstechnologie", ergänzte Lillith nachdenklich.
"Und dann ist da diese neue Kommandantin...", begann Orlen.
"Xyra", sagte Fayar. "Wir haben von ihr gehört. Wer ist sie?"
"Eine Unbekannte", antwortete Orlen. "Tauchte aus dem Nichts auf, direkt nach Zales Tod. Aber anders als Zale, der ein typischer Hutten-Handlanger war – brutal, aber vorhersehbar – ist sie... anders. Methodisch. Taktisch brillant." Er schüttelte den Kopf. "Und absolut gnadenlos. Die öffentlichen Hinrichtungen sind nur die Spitze..."
Fayar lehnte sich gegen den Tisch, ihre Erschöpfung plötzlich stärker spürbar. Sie hatte seit ihrer Flucht kaum geschlafen, zu sehr gefangen in der ständigen Anspannung des Überlebens und der Sorge um ihre Kameraden.
"Und die anderen? Die Flüchtlinge aus dem Wasserwerk?" fragte sie, ihre Stimme plötzlich dünn vor unterdrückter Emotion. "Dex?"
Orlen's Gesicht verdunkelte sich. "Wir haben nach dem Angriff auf das Wasserwerk alle Tunnelausgänge überwacht. Die meisten Flüchtlinge konnten wir aufsammeln und an sichere Orte bringen. Aber von Dex..." Er schüttelte bedauernd den Kopf. "Keine Spur. Die Tunnel sind teilweise komplett eingestürzt, viele Ausgänge blockiert. Ich bin davon ausgegangen er ist mit euch untergetaucht..."
Fayar sank auf einen nahestehenden Stuhl, als ihre Knie nachgaben. "Er war direkt hinter mir", flüsterte sie, ihre Stimme brach. "Dann dieser Lärm... die Decke... und dann nur noch Stille. Ich habe gerufen, gesucht, aber..." Tränen schimmerten in ihren Augen, die sie hastig wegwischte.
Zu ihrer Überraschung war es Lillith, die tröstend eine Hand auf ihre Schulter legte, die Berührung ungewohnt sanft. "Er ist stark", sagte die blonde Frau leise. "Klüger als die meisten von uns. Wenn jemand einen Weg findet..."
Fayar nickte stumm, unfähig zu sprechen, während die Emotion ihren Schmerz verdrängte. Die Kombination aus körperlicher Erschöpfung und emotionaler Belastung war fast überwältigend.
"Es gibt Neuigkeiten zu Kardan", sagte Orlen nach einem kurzen, respektvollen Schweigen. Die Worte schienen Fayar aus ihrer Erstarrung zu reißen. "Meine Leute haben gesehen, wie er in den Huttenpalast gebracht wurde. Gefesselt, aber lebendig."
Fayar und Lillith tauschten erleichterte Blicke aus. "Das dachten wir uns schon", sagte Lillith. "Zu wertvoll als Informationsquelle, um ihn einfach zu töten."
"Und als Symbol", ergänzte Orlen grimmig. "Der gestürzte Sicherheitschef – die perfekte Trophäe für den Hutten und seine neue Ordnung."
Sein Blick glitt über die Karten und Notizen auf dem Tisch. "Aber wir haben jetzt eine Chance. Gerade mit euch... vielleicht können wir etwas bewegen. Die Dinge ändern."
Lillith nickte, ihr Gesicht entschlossen. "Wir haben viel zu besprechen."

Die Strategiebesprechung begann unmittelbar, nachdem Fayar und Lillith sich erfrischt hatten. Orlens innerer Kreis – neben ihm selbst Niela, seine treueste Unterstützerin, und drei weitere hochrangige Mitglieder der ursprünglichen Bürgerwehr – versammelte sich um den zentralen Tisch, auf dem eine holografische Karte der Blutstadt schwebte.
"In den letzten Tagen haben wir systematisch Informationen gesammelt", wiederholte Orlen in der Runde. "Beobachtungen, abgefangene Kommunikation, Berichte von Informanten. Was wir sehen, ist beunruhigend." Er deutete auf die Karte, wo verschiedene Bereiche in unterschiedlichen Farben markiert waren. "Die Umstrukturierung des Sektors geschieht nach einem präzisen Plan – nicht die Art chaotischer Machtdemonstration, die wir vom Hutten gewohnt sind."
"Was du damit sagen willst: Jemand hat den Hutten manipuliert, um den Sektor zu übernehmen", stellte Lillith ihre Theorie vor. Sie stand aufrecht, ihre Haltung plötzlich militärischer, ihre Stimme klarer und präziser. "Die Frage ist: Wer? Und warum? Außerdem... der Augenmörder scheint obendrauf sein eigenes Spiel zu spielen, unabhängig von den Fraktionen", fuhr sie fort, während sie einen Datenpunkt auf der Karte berührte, der den Fundorte der letzten Leiche markierte. "Er hat Zale eliminiert, trotz der verstärkten Sicherheit. Sein Ziel schien mir... persönlich."
"Oder er beseitigt einfach systematisch alle, die zu viel wissen könnten oder ihm gefährlich werden könnten", fuhr Fayar fort, ihre Augen verfolgten die komplexen Verbindungslinien auf Orlens Karte. "Erst Lashala, die etwas gesehen haben muss. Dann der Kopfgeldjäger Grathan, der zu tief grub. Zale, der aggressiv nach ihm suchte"
"Nichts davon ergibt einen Sinn!", unterbrach Niela sie frustriert, ihre Hände flach auf den Tisch schlagend. "Warum all dieser Aufwand für einen runtergekommenen Sektor? Die Blutstadt ist wichtig für den Hutten, ja – aber es gibt Dutzende andere Sektoren, die rentabler wären, leichter zu kontrollieren."
Orlen rieb sich nachdenklich das Kinn. "Es muss etwas hier geben, das wichtig genug ist, um dieses ganze Theater zu rechtfertigen."
"Oder jemanden", sagte Lillith leise. "Ein Ziel. Eine Person, die sie suchen."
Alle Augen richteten sich auf die blonde Detektivin, deren Gesicht plötzlich in intensiver Konzentration versunken war.
"Denkt darüber nach", fuhr sie fort, ihre Finger spielten mit einer losen Strähne ihres platinblonden Haars. "Warum die systematische Auslöschung von Augenzeugen? Warum die Vernichtung aller Beweise? Warum der Angriff auf die Sicherheitszentrale, das Verbrennen aller Proben und Dokumente? Es ist, als würde jemand eine Fährte verwischen – nicht nur die des Mörders, sondern auch die seiner Opfer. Als wäre der eigentliche Zweck, jede Verbindung zu etwas... oder jemandem... zu eliminieren."
"Vielleicht steht Zales Ermordung im Zusammenhang mit einer größeren Bild", ergänzte Fayar nachdenklich. "Vielleicht hat er etwas herausgefunden, das er nicht wissen sollte. Oder er war unzuverlässig geworden."
"Und er wird ersetzt durch diese neue Kommandantin", stimmte Orlen zu, "die deutlich effizienter und skrupelloser zu sein scheint."
Niela, die für den Moment schweigend zugehört hatte, trat vor. "Es gibt da noch etwas anderes", sagte sie, ihre Stimme gedämpft, als fürchte sie, belauscht zu werden. "Die Söldner vernichten systematisch die Geschichte der Morde. Sie beschlagnahmen Archive, beseitigen Zeugen, löschen jede Spur der Geschehnisse."
"Wie meinst du das?", fragte Fayar.
"In den letzten Tagen gab es eine Reihe merkwürdiger 'Unfälle' unter Personen, die mit den ursprünglichen Mordermittlungen zu tun hatten", erklärte Niela und zog ein Datenpad hervor, auf dem eine Liste von Namen und Daten zu sehen war.
"Lorin Vey, ein Archivar, der Nachrichtenberichte über die Augenmorde katalogisierte – 'versehentlich' erschossen bei einer Routine-Durchsuchung. Dr. Merek Shan, ein Mediziner, der die erste Autopsie an einem der Opfer durchführte – angeblicher 'Selbstmord'. Mehrere Sicherheitsbeamte, die bei den Untersuchungen der Tatorte dabei waren – alle 'im Kreuzfeuer' umgekommen. Journalisten, die über die Morde berichteten – 'vermisst'."
"Das kann kein Zufall sein", sagte Lillith langsam, ihre Augen verengten sich, als sie das Muster erkannte. "Jemand löscht systematisch alle Verbindungen zu den ursprünglichen Ermittlungen."
Ein unheimliches Schweigen breitete sich über der Gruppe aus, während die volle Tragweite dessen, was hier geschah, langsam in ihr Bewusstsein sickerte. Dies war weit mehr als nur eine brutale Machtübernahme – es war eine koordinierte, weitreichende Operation zur vollständigen Auslöschung... von etwas. Oder jemandem.
"Wo wir gerade dabei sind: hier ist noch etwas Seltsames", sagte Orlen nach einer langen Pause, während er ein veraltetes Holoprojektor aktivierte. "Seht euch das an."
Das flackernde Hologramm zeigte eine Aufzeichnung – eine Nachricht von "Kastor" an seine Truppen. "Das ging raus etwa drei Tage nach den Ereignissen in Wohnblock 47." erklärte Orlen. Die Gestalt des Ex-Kopfgeldjägers stand aufrecht, seine Haltung militärisch, seine Stimme klar und befehlsgewohnt, als er Anweisungen für neue Patrouillen und Durchsuchungsmuster gab.
Orlen runzelte die Stirn. "Das klingt nicht wie der Kastor, den ich kenne. Wie er redet, seine Körpersprache... irgendetwas stimmt nicht."
Fayar studierte das Hologramm mit gerunzelter Stirn. "Vielleicht steht er unter Druck? Oder wird irgendwie bedroht und kontrolliert?"
Lillith betrachtete die Aufnahme mit nachdenklichem Blick, ihre Haltung plötzlich gespannt, als hätte etwas ihre volle Aufmerksamkeit erregt. "Oder jemand anderes gibt die Befehle in seinem Namen", sagte sie, ihre Stimme seltsam neutral.
Die Gruppe diskutierte weitere Theorien, keine schien völlig schlüssig. Die Verwendung eines Doubles? Möglich, aber schwer durchzuführen über längere Zeit. Erpressung? Plausibel, erklärt aber nicht die subtilen Verhaltensänderungen. Eine Übernahme seiner Identität nach seinem Tod? Ein erschreckender, aber nicht auszuschließender Gedanke.
Lillith, die während der Diskussion ungewöhnlich still geworden war, trat schließlich vor. Ihre ozeanfarbenen Augen leuchteten mit einer intensiven Entschlossenheit, die selbst Fayar überraschte.
"Wir müssen in den Hutten-Palast eindringen", sagte sie fest. "Nicht nur um Kardan zu retten, sondern auch um Antworten zu finden. Wir müssen dem Hutten Einhalt gebieten und dieses Chaos beenden, bevor die Blutstadt vollständig zerstört ist", führte sie mit eindringlicher Stimme fort. "Mit jedem Tag sterben mehr Unschuldige, mit jeder Stunde festigt sich diese neue Tyrannei. Das hier ist nicht nur ein Kampf um Information – es ist ein Kampf um die Zukunft dieses Sektors und aller Menschen, die ihn ihr Zuhause nennen."
"In den Palast?", Orlen schüttelte ungläubig den Kopf. "Das ist Selbstmord. Die Sicherheitsmaßnahmen wurden nach Zales Tod verdreifacht."
"Wir haben keine Wahl", beharrte Lillith. "Jeden Tag festigt sich diese neue Ordnung. Jede Stunde bedeutet mehr verlorene Leben, mehr vernichtete Beweise. Wenn wir zu lange warten, gibt es nichts mehr zu retten."
Fayar zögerte zunächst - doch dann nickte sie langsam. "Sie hat recht. Wir müssen handeln – für Kardan. Für Dex... Für alle, die wir verloren haben."
Orlen betrachtete die beiden Frauen, sein erschöpftes Gesicht zeigte eine Mischung aus Resignation und neu erwachtem Mut. "Also gut", sagte er schließlich. "Lassen wir uns also einen Plan einfallen, wie wir in die bestgesicherte Festung der Blutstadt einbrechen können."

Der improvisierte Kriegsrat dauerte Stunden. Orlen und Niela skizzierten eine grobe Karte des Palastes, basierend auf den Informationen ihrer Spione und Lillith, die überraschend detaillierte Kenntnisse über die innere Struktur beitrug.
"Das obere Stockwerk beherbergt die persönlichen Gemächer des Hutten", erklärte sie, während sie präzise Linien auf das holografische Modell zeichnete. "Thex Voren, sein Concierge, hat Räume im Ostflügel. Die Kerker sind im Untergeschoss, wahrscheinlich wird Kardan dort festgehalten."
Fayar warf ihr einen fragenden Blick zu. "Woher weißt du das alles?"
Lillith lächelte flüchtig. "Ich war oft genug dort..."
"Die Sicherheitssysteme?", fragte Orlen, bevor Fayar nachhaken konnte.
"Fortschrittlicher als man für die Unterstadt erwarten würde", antwortete Lillith. "Bewegungssensoren in allen Hauptkorridoren, Wärmescanner an den Eingängen, biometrische Schlösser für die inneren Bereiche. Und natürlich Dutzende Söldner, die patrouillieren."
"Unmöglich", murmelte einer der Anwesenden.
"Nicht ganz", entgegnete Lillith, ihr Tonfall überraschend optimistisch. "Es gibt potenzielle Schwachstellen. Zum Beispiel das alte Kanalisationssystem unter dem Palast – es ist nicht auf den offiziellen Karten verzeichnet, aber ich weiß, dass es existiert."
Orlen sah sie fragend an. "Woher...?"
"Von meinen Kontakten im Inneren", antwortete Lillith vage.
Fayar hob skeptisch eine Augenbraue. "Kontakte? Du meinst Informanten?"
"In gewisser Weise", bestätigte Lillith, ihr Gesicht plötzlich undurchdringlich. "Ich hatte... Gespräche mit einigen der Twi'lek-Sklavinnen während meiner Besuche beim Hutten."
"Und diese Sklavinnen haben dir einfach so Palastgeheimnisse verraten?", fragte Fayar misstrauisch.
Lillith lächelte - ein seltsames, fast wehmütiges Lächeln. "Manchmal unterschätzt man, was Sklaven bereit sind alles zu teilen, wenn ihnen mal jemand tatsächlich zuhört."
Orlen, der die wachsende Spannung zwischen den beiden Frauen bemerkte, beschloss, das Gespräch schnell wieder auf praktischere Fragen zu lenken. "Der Kanalisationseingang ist eine Möglichkeit, aber wir müssen erst dorthin gelangen. Die Straßen sind voll mit Patrouillen, besonders in der Nähe des Palastes."
"Wir bräuchten eine Ablenkung", sagte Fayar, ihr strategischer Verstand erfasste sofort die Herausforderung.
"Genau mein Gedanke", stimmte Lillith zu. "Orlen, wie viele kampffähige Leute könntest du mobilisieren?"
"Etwa dreißig, vielleicht vierzig", antwortete er nach kurzem Überlegen. "Verstreut über den gesamten Sektor, aber bereit, wenn wir rufen."
"Ein koordinierter Angriff auf mehrere strategische Punkte könnte die Aufmerksamkeit der Söldner ablenken", schlug Lillith vor. "Aber nicht direkt am Palast – das würde nur die Sicherheit dort verstärken..."
"Wir können nicht mit direkten Konfrontationen arbeiten", sagte Orlen bestimmt, während er verschiedene Punkte auf der Karte markierte. "Diese Menschen haben mir ihr Vertrauen geschenkt. Ich werde sie nicht in einen Selbstmordangriff schicken."
"Was schlägst du stattdessen vor?", fragte Lillith.
Orlen's Blick wurde intensiver, während Jahre von taktischem Training und Erfahrung aus seiner Zeit vor der Bürgerwehr durchschienen. "Gezielte Sabotageakte. Keine direkten Angriffe auf bewaffnete Posten, sondern auf Infrastruktur – Kommunikationsrelais, Energieverteilungspunkte, Transportwege." Er zeichnete präzise Kreise auf die Karte. "Klein genug, um mit minimalen Teams durchgeführt zu werden, aber wirkungsvoll genug, um maximale Verwirrung zu stiften. Wir wollen die Söldner beschäftigen, nicht bekämpfen."
Lillith nickte anerkennend. "Clever. Eine klassische Ablenkungsstrategie mit minimalem Risiko."
"Das Leben meiner Leute steht nicht zur Verhandlung", erwiderte Orlen mit einem Blick, der keinen Widerspruch duldete. "Wenn wir das tun, dann tun wir es richtig."
"Während dieses Ablenkungsmanövers", fuhr Lillith fort, "könnten Fayar und ich uns zum Kanalisationseingang durchschlagen und in den Palast eindringen."
"Zu zweit?", fragte Orlen skeptisch.
"Drei wären zu viele für eine verdeckte Operation", argumentierte Lillith. "Wir müssen schnell und unauffällig sein. Rein und wieder raus, mit Kardan und jeglichen Beweisen, die wir finden können."
Fayar betrachtete den provisorischen Plan mit gemischten Gefühlen. Es war ein Himmelfahrtskommando, und sie wusste es. Doch was war die Alternative? Hier zu warten, während Kardan gefoltert wurde und die Blutstadt unter einer neuen, brutalen Herrschaft versank? Ein trotziges Feuer entfachte sich in ihr.
"Wenn wir schon unser Leben riskieren", sagte sie mit plötzlicher Entschlossenheit, "warum zielen wir nicht höher? Statt nur Informationen zu sammeln, könnten wir den Hutten direkt konfrontieren. Ihn zum Aufgeben zwingen, vielleicht sogar eliminieren."
Lillith hob überrascht eine Augenbraue. "Das wäre praktisch Selbstmord."
"Was ist der Unterschied?" konterte Fayar mit grimmigem Lächeln. "Wenn wir sowieso sterben könnten, warum nicht für etwas, das wirklich zählt? Für ein Ende dieser ganzen Sache, nicht nur für Informationen."
Die Gruppe tauschte beunruhigte Blicke aus. Niela schüttelte langsam den Kopf. "Wir haben keine Ahnung, wie tief diese Verschwörung reicht. Selbst wenn wir den Hutten ausschalten könnten – was ich bezweifle – könnte es größere Mächte im Hintergrund geben. Ohne mehr Informationen würden wir vielleicht nur einen Kopf der Hydra abschlagen, nur um festzustellen, dass zwei neue nachwachsen."
Fayar seufzte frustriert, wusste aber, dass Niela recht hatte. "Also gut. Wir holen die Informationen. Und Kardan", sagte sie schließlich. "Aber der Zeitablauf muss perfekt sein. Und wir brauchen einen Notfallplan, falls etwas schiefgeht."
Orlen nickte ernst, doch in seinen Augen spiegelte sich unverkennbarer Widerwillen. "Ich werde dafür sorgen, dass ein Rettungsteam bereitsteht, etwa fünfhundert Meter vom Palast entfernt. Wenn es Probleme gibt, können sie versuchen, euch zu extrahieren." Er rieb sich müde die Schläfen. "Aber ich muss es klar sagen: Es gefällt mir nicht, meine Leute für einen reinen Informationseinsatz zu riskieren. Diese Menschen haben Familie, Freunde... sie haben mir vertraut, als alles auseinanderfiel."
"Wir wissen das zu schätzen, Orlen", sagte Lillith sanft. "Aber ohne diese Informationen sind wir blind. Wir können nicht einmal sicher sein, gegen wen oder was wir wirklich kämpfen."
"Ich verstehe das", entgegnete er, seine Stimme belegt. "Aber vergesst nicht, dass hinter jedem Abzeichen ein Mensch steht, der bereit ist, sein Leben zu opfern. Es sollte... zumindest zählen." Die Bürde der Verantwortung lag schwer auf seinen Schultern, sichtbar in jeder Linie seines erschöpften Gesichts.
Die Gruppe arbeitete weiter bis tief in die künstliche Nacht hinein an den Details. Angriffsziele wurden identifiziert, Fluchtrouten festgelegt, Zeitpläne koordiniert. Je länger sie planten, desto klarer wurde: Dies war mehr als nur eine Rettungsmission. Es war ein verzweifelter Versuch, die Wahrheit hinter den Ereignissen aufzudecken, die ihre Welt in den letzten Wochen auf den Kopf gestellt hatten.
Als sie schließlich eine Pause einlegten, fand Fayar sich mit Lillith in einem stillen Nebenraum wieder, wo Ausrüstung für die Mission vorbereitet wurde. Die Detektivin überprüfte ihre modifizierten Blaster mit gewohnter Expertise, jeder Handgriff zeugte von jahrelanger Erfahrung.
Fayar beobachtete sie eine Weile schweigend, bevor sie schließlich die Frage stellte, die ihr seit Tagen auf der Zunge lag.
"Wenn wir das überleben, und du mich belogen hast..."
Lillith hielt in ihrer Bewegung inne, blickte auf. "Dann darfst du mich endlich erschießen. Versprochen", sagte sie mit einem schwachen Lächeln.
Fayar trat näher, bis nur noch wenige Zentimeter sie trennten. Die Spannung zwischen ihnen war greifbar, eine komplexe Mischung aus Misstrauen, widerwilliger Bewunderung und etwas Tieferem, Unausgesprochenen.
"Du bist definitiv nicht die, für die du dich ausgibst", sagte Fayar leise, nicht als Anklage, sondern als Feststellung.
"Niemand ist das jemals ganz", erwiderte Lillith, ihr Blick unwillkürlich zu Fayars Lippen wandernd. "Wir alle tragen Masken, Fayar. Manche mehr, manche weniger."
Für einen Moment schien die Zeit stillzustehen. Fayars Gesicht, sonst so kontrolliert und wachsam, zeigte plötzlich eine Verletzlichkeit, die sie selten offenbarte. Ihre Augen weiteten sich leicht, ein kaum merkliches Zittern durchlief ihre Lippen. In ihrem Blick kämpften Misstrauen und Verlangen, Vorsicht und ein tiefes, unerwartetes Bedürfnis nach Verbindung. Ihre Hände, sonst immer bereit zum Kampf, hingen unschlüssig an ihrer Seite, als wisse sie nicht, ob sie Lillith wegstoßen oder an sich ziehen sollte.
Ihre Gesichter näherten sich langsam, angezogen von einer Kraft, die stärker war als das Misstrauen, das zwischen ihnen stand. Fayars Atem stockte, ihr Herzschlag beschleunigte sich – nicht aus Angst, sondern aus einer Mischung von Aufregung und Verwirrung. Ein Teil ihres analytischen Verstandes schrie sie an, zurückzuweichen, warnte vor einer möglichen Manipulation. Und doch konnte sie nicht leugnen, dass etwas in ihr auf einer tieferen Ebene reagierte, etwas, das nicht mit Logik oder Vorsicht zu tun hatte.
Für einen Moment schien die Zeit stillzustehen. Ihre Gesichter näherten sich langsam, angezogen von einer Kraft, die stärker war als das Misstrauen, das zwischen ihnen stand. Doch kurz bevor sich ihre Lippen berührten wandte Lillith den Kopf ab, eine Spur von Bedauern - oder gar Schuld - huschte über ihr Gesicht.
"Wir sollten uns bereit machen" flüsterte sie, ihre Stimme ungewöhnlich rau. "Morgen wird ein langer Tag."
Fayar trat zurück, ihr Gesicht eine Maske aus Verwirrung und unterdrückter Emotion. Der Moment war vorbei, doch die Spannung blieb, hing zwischen ihnen wie ein unausgesprochenes Versprechen – oder eine Warnung.

Die künstliche Morgendämmerung brach über einer Blutstadt an, die bereits im Chaos versank. Die ersten Explosionen ertönten kurz nach dem Schichtwechsel der Söldnerpatrouillen, strategisch platziert, um maximale Verwirrung zu stiften. Dünne Rauchsäulen stiegen von verschiedenen Punkten des Sektors auf – Kommunikationszentren, Energieverteilungsstationen, Söldnerposten.
Orlens Leute führten ihre Angriffe mit überraschender Effizienz durch – keine frontalen Konfrontationen, sondern gezielte Sabotageakte, die darauf ausgelegt waren, die Infrastruktur zu stören und die Söldner zu beschäftigen. Explosionen wurden von EMP-Impulsen begleitet, die lokale Kommunikationssysteme lahmlegten und die Koordination der Gegenangriffe erschwerten. Die ausgiebige Planung der letzten Nacht schien sich bereits bezahlt zu machen.
Vom Dach eines Wohnblocks beobachteten Lillith und Fayar, wie die Straßen unter ihnen in einem kontrollierten Chaos versanken. Söldnertrupps rasten in verschiedene Richtungen, während Kommandantin Xyra von ihrem Kommandoposten aus verzweifelt versuchte, die Lage unter Kontrolle zu bringen.
"Sie arbeitet mit unglaublicher Präzision", bemerkte Lillith, während sie durch ein Fernglas beobachtete, wie die Rattataki vom Dach des Sicherheitsgebäudes aus Befehle erteilte. "Kein Zorn, keine Panik – reine Effizienz."
"Noch nie einen Rattataki mit militärischem Training gesehen?", fragte Fayar, während sie ihre eigene Ausrüstung überprüfte.
"Doch, aber sie ist anders", antwortete Lillith, ohne den Blick von der Kommandantin abzuwenden. "Es ist nicht nur das Training. Es ist, als hätte sie das alles schon hundertmal durchgespielt. Wie ein Computeralgorithmus, der optimale Lösungen berechnet."
Die beiden Frauen nutzten die wachsende Verwirrung und bewegten sich lautlos über die Dächer, sprangen von einem zum nächsten, nutzten Feuerleitern und Versorgungsbrücken, um sich dem Hutten-Palast zu nähern, ohne die gefährlichen Straßen benutzen zu müssen.
Als sie sich dem massiven Gebäudekomplex näherten, der sich wie eine Festung am Rande der Blutstadt erhob, sahen sie, wie ein Großteil der Palastwachen zu den Brennpunkten des Aufruhrs beordert wurde. Die äußere Sicherheitsschicht war deutlich ausgedünnt – genau wie sie gehofft hatten.
"Es funktioniert", sagte Fayar leise, während sie sich hinter einem Lüftungsschacht versteckten. "Die Eingänge sind kaum noch bewacht."
"Wir gehen nicht durch die Tür", sagte Lillith und zeigte auf einen verrosteten Kanaldeckel etwa hundert Meter vom Palasteingang entfernt. "Da ist unser Zugang."
Die beiden Frauen warteten auf den richtigen Moment – als eine weitere Explosion in der Ferne die Aufmerksamkeit der Wachen ablenkte – und kletterten dann geschickt vom Dach hinab, nutzten Vorsprünge und Rohre, um sich lautlos zu Boden zu lassen.
Der Kanaldeckel war schwer und seit Jahren nicht bewegt worden. Fayar platzierte eine kleine Sprengladung an den Rändern – nicht stark genug, um einen lauten Knall zu verursachen, aber ausreichend, um die verkrusteten Verankerungen zu lösen.
"Fertig", flüsterte sie, nachdem sie die Ladung aktiviert hatte.
Ein dumpfes Knacken, kaum lauter als ein Stein, der auf Metall fällt, und der Deckel ließ sich anheben. Darunter lag ein dunkler Tunnel, der tief in die Eingeweide der Blutstadt führte.
Lillith ging zuerst, glitt mit erstaunlicher Anmut in die Dunkelheit. Fayar folgte ihr, zog den Kanaldeckel hinter sich zu.
Sie befanden sich in einem alten Abwassertunnel, der vermutlich aus der Zeit stammte, als der Palast noch ein gewöhnliches Verwaltungsgebäude gewesen war. Die Luft war stickig und feucht, durchsetzt mit dem charakteristischen Geruch von Schimmel und Verfall. Ihre Taschenlampen schnitten dünne Lichtkegel durch die Dunkelheit, enthüllten tropfende Rohre und krustigen Schlamm unter ihren Füßen.
"Dieser Tunnel sollte direkt unter den Palast führen", sagte Lillith leise, während sie voranging. "Wenn wir Glück haben, finden wir sogar direkt einen Zugang zum Kellergeschoss."
Sie bewegten sich lautlos durch das Labyrinth aus Tunneln, folgten der Skizze, die Orlen ihnen mitgegeben hatte. Doch nach etwa zwanzig Minuten erreichten sie eine Gabelung.
"Verdammt", flüsterte Fayar. "Welcher Weg?"
Lillith studierte beide Tunnel, schien einen Moment zu lauschen, zu riechen, zu spüren. Dann deutete sie auf den rechten. "Dieser. Er führt nach oben."
"Woher weißt du das?", fragte Fayar, folgte ihr aber bereits.
"Luftzirkulation", antwortete Lillith ohne zu zögern. "Der linke Tunnel fühlt sich stagnierend an. Dieser hier hat eine leichte Brise – das deutet auf eine Verbindung nach oben hin."
Sie folgten dem Tunnel, der tatsächlich leicht anstieg. Das Wasser an den Wänden wurde weniger, der Boden trockener. Nach weiteren zehn Minuten standen sie vor einer rostigen Metallleiter, die zu einer Falltür in der Decke führte.
"Dort oben müssten wir im unteren Kellergeschoss des Palastes sein", sagte Lillith, während sie vorsichtig die Stabilität der Leiter prüfte. "Falls meine Orientierungsfähigkeit uns heute nicht im Stich lässt..."
"Und wenn doch?", fragte Fayar, eine Hand bereits am Blaster.
Lillith warf ihr ein schmales Lächeln zu. "Dann ist es doch gut, dass du eine so ausgezeichnete Schützin bist, nicht wahr?"
Mit diesen Worten begann sie, die Leiter hinaufzuklettern. Fayar folgte ihr, den Blick fest auf die Falltür über ihnen gerichtet. Die brennende Blutstadt, das kontrollierte Chaos in den Straßen, alles schien in diesem Moment weit entfernt – ein symbolisches Fegefeuer, das alle Spuren der Vergangenheit zu vernichten drohte, während sie tiefer in das Herz der Verschwörung eindrangen.
Als Lillith vorsichtig die Falltür einen Spalt öffnete, sickerte ein schwacher, goldener Lichtstrahl in den dunklen Tunnel. Sie tauschten einen letzten Blick aus – Entschlossenheit traf auf verhaltene Skepsis, Mut auf Vorsicht.
Dann, mit einer gleichzeitigen Bewegung, stießen sie die Falltür auf und hoben sich in die unbekannten Tiefen des Hutten-Palastes.