6 VVC - Das Licht der Welt

Kalt und erbarmungslos peitschte der Wind gegen Gesichtsschutz. Das Eis war in leichtes orange getaucht als die Augen durch die Schutzbrille sahen. Karg und leblos wirkte die scheinbar endlose Eiswüste, doch nicht weit konnte man ein paar primitive Zelte an einer Felswand sehen. Es stieg etwas dunkler Rauch hinauf und deutete daraufhin, dass sich dort Leben befindet. Mit kräftigen, zügigen Schritten stampfte die junge Frau in Vollmontur durch den Schnee, der immer wieder von dem Wind aufgewirbelt wurde. Jeder Schritt brachte sie näher an das Dorf heran und weiter weg von ihrem Schiff, dass nach einigen Minuten nur noch eine Silhouette im Wind war.


Der Auftrag war einfach gestrickt. Sie solle die Zielperson und alle zu ihr führenden Spuren vernichten. Es solle nichts übrig bleiben. Die junge Frau hatte nicht gefragt worum es ging, um wen, oder warum die Spur ihres Ziels sie bis in das Koobi-System führte. Als der Auftrag herein geflattert kam, war es bereits klar. Jemand hatte einen Hutten verärgert und war dann einfach spurlos verschwunden. Man konnte sich also nicht an dem eigentlichen Schuldner rächen und so musste die engste Familie darunter leiden. Meistens ging dies nicht ohne Warnung oder Drohung von statten. Eine Warnung auf die der Schuldner hätte reagieren können. Die typische Methodik um jemanden aus der Reserve zu locken.


Sie atmete tief ein und zog den kalten Wind in die warme Lungen hinein. Es war eine schmutzige aber gut bezahlte Arbeit. Die Art von Arbeit, die die meisten nicht machen wollten, doch nicht allen blieb die Wahl. Und wenn man ohne Wahl Aufträge annahm dann stampfte man plötzlich durch kalten Schnee auf einem primitiven Eisplaneten von dem man zuvor noch nie etwas gehört hatte. Langsam lies die Frau in Montur ihre rechte Schulter kreisen und nahm das dort hängende Blastergewehr in die Hände. Fast war sie in Reichweite doch in dem Dorf gab es bisher keine Anzeichen der Zielperson, dafür war das Lager erstaunlich klein und leer. Sie zählte vier der behaarten Tiere auf Beinen und mutmaßte, dass keines davon ein Männchen war. Innerlich lächelte sie kurz ob der Gelegenheit. Der Auftrag war bereits anstrengend genug gewesen, es war gut wenn der Abschluss etwas leichter fallen würde.


In geduckter Haltung näherte sie sich dem Lager, aus dem immer noch der Rauch empor stieg. Mittlerweile war zu erkennen, dass es ein Lagerfeuer gab und dort etwas zu Essen vorbereitet wurde. Die Laufwege der vier Nelvaanerinnen zeigte ein besonderes Interesse für eines der Zelte. Die Art von Interesse, die man möglicherweise Fremden zukommen lassen würde. Erneut atmete sie tief durch und legte das Gewehr an. Durch das Zielfernrohr konnte sie die vier umhergehenden Nelvaaner erkennen. Sie wussten nichts von ihrer Anwesenheit und so gaben sie ein leichtes Ziel ab. Ohne zu zucken, krümmte die junge Frau den Finger und ließ den roten Lichtblitz durch die Luft schnellen. Der Ton war im starken Wind kaum hörbar doch leblos sackte ihr erstes Ziel zu Boden. Drei weitere Lichtblitze folgten und nach einem Aufschrei verklang der Ton komplett und ergab sich dem Rauschen des Windes. Sie erhob sich und rannte zu dem Dorf. In flüssiger Bewegung verstaute sie das Gewehr auf den Rücken und zog den Blaster aus dem Halfter um das Dorf abzusichern. Fünf Zelte, doch es war Ruhe, nur aus einem drang etwas Licht heraus. Mit angelegtem Blaster näherte sie sich dem Zelt und konnte bereits dne Schatten einer Person erkennen. Sie betrat das kleine Zelt, dessen Decke fast ihren Kopf berührte.


Maximal neunundzwanzig Jahre war die Frau mit dunkelroten Haaren. Sie lag in einem Schlafsack während ihr Kopf durch einige Kissen geschützt war. An der Kleidung, die herum lag, konnte man erkennen, dass sie wohl eher dünn bekleidet war. Einige Kerzen erhellten den Innenraum. Ihr Blick war verwirrend. Trotz des auf sie gerichteten Blasters wurde sie nicht panisch. Ihre Augen verrieten Trotz, ihre Haltung Müdigkeit und ihre zitternden Lippen Angst. Die Attentäterin betrachtete das Gesicht und vergewisserte sich über die Identität der Frau.


"Grüße von Tschoba", sagte die Attentäterin bestimmt.


Keine Minute verging und erneut zuckte ein Lichtblitz durch die Luft. Stille erfüllte den Raum und als die Attentäterin ein Zucken aus dem Augenwinkel vernahm schwenkte sie den Blaster rüber. Ihre Stimme war ernst und zornig.


"Komm raus du Arschloch damit ich dich abknallen kann."


Als Antwort bekam sie aber kein Wimmern, keine Bewegung sondern ein Weinen. Das Zelt wurde urplötzlich von Babyweinen erfüllt und fuhr der Attentäterin jegliche Wärme aus dem Körper.

"Was...?", fluchte die Attentäterin während ihr Blick zum Leichnam der rothaarigen Frau hinüber schwenkte.


"Nein, nein, nein, nein, nein", fluchte sie lauter.


Eilig hastete sie um die Ecke des Zeltes und erblickte einen Korb mit zwei Neugeborenen, die sorgsam und vorsichtig in dicker Tücher eingewickelt worden waren. Sie schrien, weinten und verlangten nach Aufmerksamkeit. Die Attentäterin richtete ihren Blaster auf die zwei Kinder und begann zu hadern. Jegliches Selbstvertrauen war gewichen, jegliche Brutalität weggespült. Das Schreien der Neugeborenen hatte die Attentäterin so sehr überrascht, dass ihre komplette Konzentration zersplitterte. Jegliche Spuren hatte man ihr gesagt. Jegliche Spuren schloss diese Kinder mit ein. Es war ihr Job, es war ihr Auftrag. Sie wurde dafür bezahlt. Genau das wusste sie und genau deshalb musste sie es tun. Den letzten Schritt in die Hölle konnte sie nun auch vollends gehen.


Mit brüllenden Triebwerken hob der kleine Frachter von der Eiswüste ab. Im Hintergrund sah man das ehemalige Dorf in großen Flammen lodern, es würde vollständig abbrennen und alles mit sich nehmen. Tief seufzend lehnte sich die Frau in den Pilotensitz. Die Verkleidung war gewichen und zeigte ihr weißes, gefärbtes Haar. Ihr Gesicht war hart aber jugendlich. Sie hatte fast ein gesamtes Dorf ausgelöscht und war vielleicht gerade einmal neunzehn. Für den Moment tauchte sie in ihre Gedanken ab, erinnerte sich an das Geschehene und ihre Entscheidungen. Es war schwer mit so etwas zu leben. An fast jeder Hand klebte Blut aber dieses Blut war anders. In ihrem Herzen spürte sie, wie schwer es wiegte. Ein Babyschreien unterbrach ihre Gedanken, gefolgt von der Protokolleinheit, die begann sie anzusprechen.


"Miss Erauqs, wie soll ich mit den Säuglingen verfahren?", fragte ihr Droide in der typisch höflichen Form.
"Aktiviere deine Lebenserhaltungsprotokolle für Säuglinge und kümmere dich um ihre Gesundheit, 3N" beantwortete sie die Frage.

Der Droide ging davon um seine Aufgabe zu erfüllen als er doch nochmal anhielt.

"Haben die Säuglinge Namen? Mein Speicherchip ermöglicht mir eine...", begann 3N zu plappern.
"Nein, nein, lass gut sein. Ich überlege mir Namen", unterbrach die junge Frau ihren Droiden.


Ihr Blick wanderte über die Frontscheibe in das Sternenmeer hinaus, als sie kurz nickte und sich zu ihrem Droiden umsah um ihm auf den Rücken zu schauen. Gerade wollte sie ansetzen, als sie die Serienkennung ihres Droiden erblickte.

"3N-1X...", sprach sie vor sich hin.
"Ja Ma'am?", erwiderte die Einheit.
"Enix. Der Schreihals heißt Enix", bestätigte sie mit kräftiger Stimme.

Sie drehte sich wieder zu ihrer Frontscheibe, versank in den Sitz und beobachtete 3N aus dem Spiegel, der den Bereich hinter ihr abdeckte. 3N war wieder auf dem Weg zu den Säuglingen, die sie verschont hatte. Ihre Augen fixierten den Droiden.


"Und den mit den kühlen Augen Ma'am?" bat der Droide sie erneut um Hilfe.
"...Xine. Er heißt Xine." sprach sie ebenso kräftig während sie den Droiden durch den Spiegel beobachtete.